Allgemein, Reisen, Africa, stories, Thoughts, Places

Die Freiheit atmen, das Leben aufnehmen, die Geräusch hören. Weite, die keine Grenzen kennt. Der Himmel, der irgendwo in der Ferne mit den Konturen des Graslandes verschwindet. Weiße Wolken, die sich harsch von roten Sand der Dünen absetzten. Unendlicher Sternenhimmel mit tausenden von Lichtern, fernen Welten, die die Lücken in der schwarzen Ewigkeit füllen. Flimmernde Luft, die Illusionen von Wasser in die Landschaft zeichnet. Endlose Straßen führen ins Nichts. Aufgesprungene Lippen, Trockenheit. Wasserknappheit, die zu einer Explosion des Lebens um die Flüsse herum führt. Tiere, die sich den extremen Wetterbedingungen anpassen. Der endlose grüne Ozean. Die langen Schatten der untergehenden Sonne tauchen das Land in goldenes Licht. Langsam verlieren sich die Konturen der Landschaft, Schatten verschmelzen mit Schatten und der Busch wird eins. Die Geräusche ändern sich, das Leben der Nacht erwacht. Die Vielfalt der Landschaft, das vibrierende Leben, die Weite.

Afrika.

Von allen Orten, die ich in den letzten 10 Jahren bereisen durfte, hat mich der Süden Afrikas landschaftlich mit Abstand am meisten begeistert. Die geerdete Energie des Landes, die allumfassende, ungefilterte Präsenz der Natur und der Wildnis, die umwerfende Biodiversität und das goldene Licht, das jeden Sonnenuntergang magisch macht. Der unendliche Sternenhimmel, die Ruhe, die Weiten Blicke in unberührte Landschaften, die Einfachheit des Lebens.

Ägypten war meine erste Afrika-Erfahrung. Noch relativ jung, habe ich vorsichtig in die muslimische Kultur im Land der Pharaonen hinein geschnuppert und erste Erfahrungen mit kalten, sternenklaren Wüstennächten gemacht. Vor zwei Jahren durfte ich Namibia in einem Camper durchqueren und somit 4 Wochen in der Natur verbringen. Die landschaftlichen Eindrücke hätten dort nicht unterschiedlicher sein können – von grünen Savannen voller Leben über wildes Busch und Grasland, Tafelbergen und harschen Gebirgen, die in sandige Wüsten unendlicher Weite übergingen. Und die Farben! Die Farben der Sonne, der Erde, der Pflanzen, des Lichtes… jeder Tag war auf seine eigene Art und Weise magisch. Ein großer Teil dieser Magie kam von der Abwesenheit jeglicher Menschen – hier habe ich zum ersten Mal echte Einsamkeit erfahren. Meine intensivste Zeit in Afrika war jedoch die vor 4 Jahren, als ich im Shamwari Game Reserve in Südafrika gearbeitet habe. Das war auch das erste und einzige Mal, dass ich intensiven Kontakt mit den Menschen dort hatte.

Gegen Ende meines Aufenthalts haben wir ein Dorf besucht, um dort Hilfsleistungen zu verteilen. Rucksäcke und T-Shirts, aus afrikanischer Baumwolle gefertigt, von jungen Händen in der heißen Sonne gepflückt, werden die Baumwollbälle nach Asien geschifft und dort von weitern, jungen Händen gefertigt und gefärbt. Wenn sie schließlich nach Europa geliefert werden, wo sie für 5 € in Billigläden landen, kannst du dir ausrechnen wie viel Geld an die Kinder und Jugendliche geht. Ein winzig kleiner Bestandteil einer bereits geringen Summe. Wenn wir diese Shirts und Rucksäcke dann für eine Saison getragen haben, sie als nicht mehr modisch betrachten und großzügig im Altkleidercontainer entsorgen, fühlen wir uns besonders gut – weil man ja auch was für die Armen tut. Diese Kleider werden dann nach Afrika geschippt und wir haben dort stundenlang aussortiert, was brauchbar ist und was nicht. Die meisten Dinge landen, ehrlich gesagt, irgendwo im Busch auf der Müllkippe.

Ein kleiner Junge mit wunderschöner, schokobrauner Haut und riesigen, traurigen Augen mit endlos langen Wimpern hat mich an diesem Tag an die Hand genommen und mir stolz sein Zuhause gezeigt. Eine kleine Hütte, vielleicht 15 qm, ein Raum mit einem großen Bett und einer Küchenzeile. Hühner auf dem Boden, Kräuter hängen von der Decke. Das Bett teilt er sich mit seinen Eltern und 5 Geschwistern. Sobald diese alt genug sind, helfen sie auf den Feldern hinter dem Haus. Obwohl nur 2,4% des südafrikanischen Bruttoinlandsprodukt aus Agrarwirtschaft stammt, ist das Land immer noch der drittgrößte Agrarexporteur der Welt. Der Großteil der Bevölkerung ist in diesem Bereich tätig, sie bauen Mais, Weizen und Zuckerrohr an um zu überleben. Das Wasser teilen Sie sich mit den durstigen Pflanzen und in der Trockensaison gibt es kaum genug für Mensch und Gewächs.

Der kleine Junge mit den traurigen Augen lässt meine Hand kein einziges Mal los während er mich seinen Freunden, seinen Geschwister und seiner Familie vorstellt. Das Dorf mit Häusern aus Lehm und Dächern aus Wellblech ist sauber und aufgeräumt. Er erzählt mir, dass es eine Müllhalde 2 km entfernt gibt in der Plastik und andere Dinge jeden Tag verbrannt werden. Er will mir auch die Felder zeigen, doch die sind weit weg. Seine Mutter und seine Geschwister laufen am Tag bis zu 30 km um jede Pflanze mit Wasser zu versorgen. Man sieht diesen Menschen an, dass sie ein hartes Leben führen. Sie sind muskulös und durchtrainiert – und zu dünn. Ich sehe, dass diese Leute wissen, was Hunger ist. Trotzdem wirken sie entschleunigt, entspannt und irgendwie glücklich.

Ich schäme mich, dass ich mich an den Namen des Jungens nicht mehr erinnern kann. Er plappert ununterbrochen in einer Mischung aus Englisch und isiZulu und lacht sich jedes Mal kaputt wenn ich versuche die Knacklaute seiner Sprach zu imitieren. Als ich ihn frage, woher er so gut Englisch kann, erzählt er mir stolz von den Englischen TV Shows, die er mit seinen Eltern jeden Abend gucken darf. Die riesigen Satellitenschüsseln auf den Wellblechdächern wirken bizarr, aber auch hier hat die Technik Einzug gehalten. Zur Schule geht er nicht. Kurz bevor ich mich verabschieden muss, baut er sich vor mir auf, stemmt die Hände in die Hüften und sagt: “Wenn ich groß bin, gehe ich zur Universität, genau wie du, und ich werde ein berühmter Raketenwissenschaftler.”

Mein Lächeln ist sicher verräterisch traurig, als ich in die Knie gehe und das letzte Mal in seine wunderschönen dunklen Augen schaue: “Ich glaube an dich”, sage ich nur, und muss dann gehen. Im Jeep kommen mir dann doch die Tränen denn ich weiß, dass er hier gebraucht wird. Er wird gebraucht um seine Eltern auf den Feldern zu unterstützen wenn diese zu alt sind, um die Arbeit zu tun. Ich denke auch heute noch oft an ihn und bin sehr enttäuscht von mir, dass ich die Möglichkeit nicht ergriffen habe ihm mit 500$ im Jahr eine Schulausbildung und später eine Universität zu finanzieren. Das habe ich verschlafen, aber ich habe trotz allem gemeint was ich damals gesagt habe.

Ich glaube an ihn.

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