Allgemein, Kurzgeschichten, Literatur

Die Herrin des Waldes

Der Nebel greift mit kalten Fingern nach den Stämmen der uralten Rhododendronbäume, Wolkenfetzen verfangen sich in den ausladenden Kronen. Die Bäume nehmen die Zeit, die für die Lebewesen des Waldes vergeht, kaum wahr. Sie hat keine Auswirkung auf die uralten Giganten, die im ewigen Nebel überdauern. Zeit ist hier nicht von Bedeutung, denn der Fluss des Lebens verläuft in einer anderen Dimension. Die Bäume, deren Umfang die Spannweite der Arme eines ausgewachsenen Mannes bei Weitem überschreitet, sind über und über bedeckt mit Flechten, Blumen und Gräsern die trotz des schwachen Lichtes ein Feuerwerk an Farben auf die dunklen, zerfurchten Oberflächen der Bäume zaubern. Die Rinde, an jeder Stelle einzigartig, gleicht den Falten auf dem Gesicht eines alten Menschen, die die Geschichte eines ganzen Lebens erzählen. Von Glück, Leid, Trauer, Schmerz und Liebe, die alles überdauert, sogar den Tod. Der Nebel schluckt die Geräusche der Insekten und winzigen Vögel, die sich im Kampf um den süßen Nektar der unzähligen Blütenkelche vergehen, beobachtet von den schlauen Augen großer Raubvögel und kleiner, hungriger Nagetiere. Der Wind, der immer wieder durch die Flechten fährt und Wassertropfen in Kaskaden auf den bewucherten Waldboden fallen lässt, trägt den Duft einer anderen, fernen Zeit heran. Die Wesen des Waldes regen sich unruhig – Gerüche, die hier nicht her gehören werden durch das Labyrinth der Stämme getragen und stören das empfindliche Gleichgewicht. Reißen Lebewesen aus tiefem Schlaf, die noch hunderte von Jahren im Schlaf hätten überdauern sollen, benetzen zarte Blüten mit toxischen Tröpfchen der Zivilisation, vergiften Luft, die noch nie vergiftet war. Benzin aus unzähligen Motoren, Rauch aus Schornsteinen und Fabriken, Unrat und Müll, achtlos in Flüsse und andere, jüngere Wälder geworfen – es ist der Geruch des endgültigen Todes ohne natürliche Wiedergeburt, der die Wesen des Waldes aufschrecken und erzittern lässt. Sie fürchten um ihre Unsterblichkeit, die der immerwährende Kreislauf des Lebens mit sich bringt und die der Mensch für immer zerstört.

Es ist kalt. Der Regen, der langsam, aber beständig fällt, durchdring das dichte Blätterdach über mir und rinn in kleinen Bahnen über meine Kapuze, meinen Oberkörper und schließlich den Bund meiner Hose, die er vollkommen durchnässt. Der Nebel, den ich in jedem Atemzug in meine Lunge lasse, schleicht sich in meine Kleidung, legt sich wie ein dünner, eisiger Film auf meine erhitzte Haut, dringt über meine Atemwege in meinem Herzen und lässt mein Blut um ein paar Grad erkalten. Der Weg, dem ich seit Stunden folge, ist voller Wurzeln und Steine, die das Gehen schwerer und schwerer machen. Der Schlamm dringt immer wieder in meine Schuhe ein und durchnässt meine Füße. Ich frage mich, ob sie jemals wieder trocken werden und taste voller Sorge nach den elektrischen Geräten in meinem Rucksack. Sie sind mein einziger Kontakt, meine einzige Chance falls mir etwas passiert. Ein schneller Blick auf mein Handy beruhigt mich – das Hintergrundbild zeigt mich und meine beste Freundin, erinnert mich daran dass ich nicht der einzige Mensch auf diesem Planeten bin und voller Zufriedenheit sehe ich zumindest drei Balken Empfang aufleuchten. Das künstliche Licht des Gerätes reißt mich aus den Zustand, der mich mit der Natur um mich herum verbindet. Ich bemerke es kaum und beantworte schnell zwei Nachrichten vom Zuhause. Nach einem Schluck aus meiner Wasserflasche setze ich meinem Weg fort. Der Wind durchdringt den ewigen Nebel und trägt den Duft der Welt heran, aus der ich vor langer Zeit geflohen bin. Meine Nase reagiert empfindlich auf die Gerüche meines Lebens, in das ich irgendwann wieder zurück kehren muss. Mein Herz, weit und unendlich offen, verkrampft sich bei diesem undenkbarsten aller undenkbaren Gedanken – die Rückkehr in eine Welt, die ihren Kontakt zur Natur verloren hat.

Es ist kalt. Ihr Körper, nicht fest, nicht flüssig und nicht gasförmig, wandelt in den Schatten zwischen den Bäumen und spürt die Kälte nicht, die die Essenz ihrer Seele ist. Mit leichten Fingern greift sie nach den riesigen Farnen, die an den alten Stämmen der Bäume wachsen, und sie senden einen leisen, heiteren Gruß in einer Sprache, die heute niemand mehr spricht. Der Wind, der durch die Baumkronen fährt, schreibt Buchstaben und malt Formen unsichtbar auf ihr Gesicht, die schnell mit dem Nebel verschwimmen. Das Gefühl der Bedrohung, subtil im Nebel getarnt, so flüchtig wie ein seltener Sonnenstrahl in diesem Wald, vergeht ebenso schnell wie es gekommen ist. Sie liebkost den Wind mit zarten Händen, flüstert leise liebevolle Komplimente und gibt ihm eine Botschaft mit auf den Weg, die ebenso kostbar wie selten ist. Er zieht weiter um die Erinnerung an diesen unberührten, magischen Ort in zerstörte, blendend helle Länder dieser Welt zu tragen und auch dem letzten Lebewesen auf diesem verlorenen Planeten die letzte Nuance der Hoffnung zu übermitteln. Es ist die Botschaft des Lebens, die der Wind mit sich trägt und verspielt in den Himmel empor hebt. Ein leichter Schatten bleibt auf ihrer Seele zurück und sie weiß, das es bald soweit ist. Schmetterlinge und Vögel umkreisen ihre verschwimmende Gestalt und sie nimmt sich die Zeit, jeden einzelnen mit Namen zu begrüßen. Sie teilt deren Leid und Liebe, ihren Schmerz und ihre Freude. Für einen Moment verschwimmen die Grenzen und sie ist verlockt, sich dem bunten Treiben des Lebens hinzugeben. Doch sie hat eine Aufgabe. Stattdessen begnügt sie sich mit einem selten Lachen, das hell und klar durch den Nebel schallt und sich in Wellen um sie herum ausbreitet. Für eine Sekunde kehrt Stille ein, dann explodiert der Wald um sie herum. Knospen treiben aus, werden zu Blättern und entwickeln Blüten in allen Farben, die einen betörenden Duft aussenden, der die kleinen Lebewesen bis zur Ekstase treibt. Ihre Liebe für diese winzigen Geschöpfe ist grenzenlos. Mit einem wortlosen Abschiedsgruß fließt sie weiter über die unsichtbaren Bahnen der Naturmagie, die wie Adern tief in der Erde verlaufen und erkennt zahllose weitere Baumriesen, die sich gegen den Schatten der immerwährende Wolkendecke abzeichnen. Sorge erfüllt ihren Geist, als sie die ersten Zeichen des Verfalls erkennt. Die teerartige Flüssigkeit, die aus einigen Blüten tropft, zischt und dampft als sie den Waldboden berührt. Wo sie aufkommen sterben die mikroskopisch kleinen Lebewesen des Waldes in Scharen, Reihe um Reihe fallen sie den giftigen Stoffen aus der Welt der Menschen zum Opfer. Als sie ihre Gedanken ausstreckt, um die toten Stellen zu untersuchen, findet sie keines der Lebenslichter wieder. Der Kreislauf wurde durchbrochen und das Leben hat den Boden verlassen. Nichts wird den Ort je wieder besiedeln, an dem der Tod gewütet hat. Tränen aus Licht fließen über ihre Wangen und Trauer durchdringt ihre Seele bis zum tiefsten Grund.

Es wird dunkel. Der Weg, der kein Weg ist, leitet sie. Das ewige Dämmerlicht, dass hier oben den Tag ersetzt, wandelt sich. Die Silhouetten der Bäume zeichnen sich erst deutlich, dann immer diffuser gegen den Nebel ab, der nach wie vor um die langen Flechten streicht und sie mit sanften Fingern umwirbt. Langsam aber unaufhaltsam verschwimmen die Bäume mit den Wolken und bilden eine dunkle, undurchdringliche Einheit. Und dann erwacht der Wald, ihr Wald, zum Leben. Die Blüten beginnen zu leuchten, fluoreszieren in sanftem Licht, dass die Umgebung auf unheimliche Art und Weise beleuchtet. Blütenkelche erwachen zum Leben, winden sich, vergießen glitzernde Flüssigkeit über den weichen Waldboden. Pilze, gewunden wie die Arme unsere Galaxie, schrauben sich aus dem Boden und erfüllen die Luft mit verwirrenden Gerüchen, die nicht von dieser Welt sind. Voller Zuneigung streicht die über jeden einzelnen, worauf diese voller Freude aufglimmen. Eine Libelle, größer als der Kopf des Mondkalbes, das sich zwischen den Farnen versteckt, landet auf einem der Pilze. Ihr Körper, der dem eines Löwen gleicht, ist bedeckt von azurblauem Fell, das freudige Funken ausstößt aus sie den Pilz berührt. Bahnen aus Licht durchziehen den Boden, reine Magie. Die Dunkelheit zieht sich zurück zwischen Stämme, unter Blätter und in die Ritzen des Raumes, lauert, regt sich und wird stofflich. Augen aus reiner Schwärze absorbieren das Licht. Körper erheben sich, manche klein und kugelig, andere dünn und so bedrohlich, dass die Pflanzen langsam Abstand gewinnen. Augen, so hell wie das Licht der Sterne, tauchen in den Lücken auf und füllen auch den letzten Raum mit Leben. Noch wandeln sie in den Schatten, die Bewohner des Nebelwaldes, doch die Nacht ist lang. Ihre Augen folgen ihrer Königin, manche voller Liebe, andere misstrauisch und distanziert. Lautlose Rufe durchdringen die Luft, bringen sie in Schwingung und jeder einzelne davon zaubert ihr ein fast unmerkliches Lächeln ins Gesicht. Doch Sorge fließt über die Sprache, die keine ist, in ihren Geist – auch das Volk der Nacht hat den Duft vernommen, der das Ende der Zeit verkündet.

Es wird dunkel. Die Wolken, eiskalt und doch wärmend wie Watte, leuchten in einem magischen Licht, dass sich langsam von hellem Gelb zu dunklem Violett wandelt. Während ich immer weiter einen Fuß vor den anderen setze, bemüht das fragile Ökosystem nicht zu zerstören, fühle ich etwas neben mir, flüchtig und doch genauso greifbar und real wie mein eigener Körper. Ich spüre, dass ich nicht mehr alleine bin. Unsichtbare Augen starren mich an, tasten mich ab und bohren sich in meinen Hinterkopf. Nur mühevoll kann ich der Versuchung widerstehen, mich umzudrehen wo ich doch ganz genau weiß, dass dort niemand ist. Der Ort, den ich heute erreichen wollte rückt in immer weitere Ferne und ich kann mich kaum erinnern, wohin ich eigentlich wollte. Aus dem Augenwinkel nehme ich eine Bewegung wahr und drehe mich ruckartig um. Nichts. Mein Herzschlag beschleunigt sich unmerklich und alle Muskeln meines Körpers sind gespannt. Ich erhöhe die Frequenz meiner Schritte. Ich bewege mich zügig auf dem schmalen Weg, der mich zurück in die Zivilisation bringen wird. Etwas Helles schimmert auf. Ein Licht am Ende des dunklen Pfades, dem ich folge, glimmt freundlich und verspricht Wärme und Zuflucht in der ewigen Dämmerung. Zahllose Motten umkreisen mich auf dem Weg zum Licht. Nach einiger Zeit, die mir vorkommt wie Stunden, erlischt es plötzlich. Meine Füße bewegen sich weiter wie von selbst und als ich merke, dass ich den Pfad schon vor langer Zeit verloren habe, ist es längst zu spät. Ich habe eine Grenze überschritten, die man nur in eine Richtung überqueren kann. Panik macht sich breit und schnürt mir die Kehle zu. Der Wald ist nicht mehr das, was er war. Er wirkt wilder, ungezähmter und tödlich. Ich weiß nicht, wo ich bin. Kleine Lichter wie von Glühwürmchen umkreisen mich, als ich stehen bleibe und versuche mich zu orientieren. Ich schrecke zurück, als eines auf meiner Hand landet und ich das winzige Geschöpf auf meinem Zeigefinger vor meine Augen hebe. Ein kleines, erschreckend menschliches Gesicht starrt mich an, schwarze Pupillen voller Hass bohren sich in meine und bevor ich blinzeln kann stößt sich das Wesen mit Beinen, die denen einer Heuschrecke gleichen, ab und verschwindet im Lichtermeer um mich herum. Panisch hebe ich den Blick. Der Nebel um mich herum kreist rasend schnell und nimmt bedrohliche Formen an, die viel zu greifbar aussehen um meiner Phantasie entsprungen zu sein. Dunkelheit verdichtet sich an Orten, an denen keine Dunkelheit sein sollte und springt mich an. Springt mir ins Gesicht und stiehlt Gedanke um Gedanke aus meinem Kopf. Wesen, wie sie in unsere Welt schon lange nicht mehr existieren, beobachten mich aus den Schatten der Bäume. Die Präsenz von etwas, das ich nicht begreifen kann, umgibt mich von allen Seiten. Ich sehe Hörner blitzen, Klauen leuchten und und verwirrende Augen das letzte Licht des Tages widerspiegeln. Pupillen, so fremd, die mich aus meinem Körper holen und mich vergessen lassen, dass ich lebe. Emotionen, uralt und magisch, die wir durch die Technik unseres Alltags längst vergessen haben erleuchten meine Seele wie ein unendliches Feuer.

Und dann bin ich auf einmal nicht mehr alleine. Sie grüßt mich mit ungesprochenen Worten, die ich nicht verstehen kann und deren Sinn sich mit trotzdem auf Anhieb ergibt. Es ist die fließende Sprache der Natur, leise und doch laut, die im brüllendem Chaos unserer Zivilisation untergeht und der niemand mehr zuhören kann obwohl sie die Antwort auf alle Geheimnisse kennt. Ihr fragile Struktur, wunderschön und eiskalt zugleich, übt eine unwiderstehliche Anziehung auf mich aus. Aus dem Augenwinkel sehe ich ihre zarte, durchscheinende Gestalt vor der alle Wesen ehrfürchtig zurück weichen. Auch die dunklen Schatten, Gestalt gewordene Schwärze, erfüllt von Bosheit so alt wie das Universum, weichen widerwillig zurück. Der Weg ist längst kein Weg mehr und Dornen, Zweige und und Steine zerfetze meine Hose und schlagen blutige Wunden in meine Beine. Blut tropft auf den Boden und kleine agile Wesen mit zackigen Umrissen balgen sich um jeden einzelnen Tropfen. Der Rucksack, der vor wenigen Stunden noch das Wichtigste war, ist längst zurück geblieben zwischen Büschen und Bäumen. Materieller Besitz ist in dieser Welt der Schatten nicht länger von Bedeutung. Bambusblätter streifen meine nackten Arme mit ihren scharfen Kanten. Wasser, das von den Pflanzen auf mich herunter tropft, kühlt meinen erhitzen Körper. Ich fühle die Schwere meiner Beine, die Schmerzen meiner verletzten Haut, das taube Gefühl in den Gliedmaßen. Mein Körper, geschunden und zerstört, wird nicht länger gebraucht. Als die Herrin des Waldes ihren kühlen Blick aus den sternengleichen Augen auf mich richtet weiß ich – er ist Ballast. Also lasse ich ihn zurück, zwischen zwei Schritten, trete heraus zwischen uralten Baumstümpfen und toten Blättern. Ich überlasse ihn dem unendlichen Kreislauf der Wiedergeburt. Er fällt zu Boden und die Grenzen, die mir meine körperliche Existenz bis jetzt auferlegt hat, verflüchtigen sich. Innerhalb von Sekunden zerfällt das, was ich war. Fleisch wird zu Erde und Knochen zu Stein. Dunkelblaue Nachtblumen und grelle, fluoreszierenden Pilze erobern ihn im Sturm. Kleinste Lebewesen nähren sich, gehörnte Mäuse beziehen den Schädel, ein rubinroter Vogel stiehlt eine Rippe für sein Nest. Ich bin Tod, Geburt und Leben. Warum als einzelne Seele einen Körper bewohnen, der so viele andere Wesen nähren kann? Sie zum Leben erweckt zu haben erfüllt mich mit unendlicher Freude und wir beide, der Geist des Waldes und ich, leuchten gemeinsam auf.

Wir folgen einem unsichtbaren Pfad aus Magie und mit der Zeit verdichtet sich das Netz, läuft auf ein gemeinsames Ziel zu. Die Umgebung vibriert vor Kraft, die mich durchdringt und den letzten Rest Menschlichkeit mit sich nimmt. Langsam wird die Umgebung steiniger, die dichte Vegetation des Bergdschungels weicht einem ausgedehnten Nadelwald. Moos bedeckt die Stämme und ein Wesen, dass nur eine Fee sein kann, verbirgt sich hinter einem Felsen. Die Spitzen filigraner Flügel reflektieren das Licht das Mondes, der die Wolken durchbricht und die Szenerie in silbernen Glanz badet. Ein kreisrunder, glitzernder Teich taucht aus dem Dunkeln auf. Alle Energie, der ich auf meinem Weg begegnet bin, läuft hier zusammen. Verwirrende Wirbel durchdringen die Tiefen des Wassers, der flüssigen Magie. Hätte ich noch einen Atem gehabt verschlüge es ihn mir angesichts der unendlichen Strudel des Universums in der spiegelten Fläche. Die Wolkendecke bricht auf und die gewaltige Tiefe des Weltalls zeigt sich in dem dunklen Wasser des Teiches zusammen mit den gigantischen Gipfeln des Himalayas, bedeckt von Schnee und Eis. Die Farben der Milchstraße reichen von hellem Gelb bis zu dunklem Violett. Absurderweise zeigt das, was dort oben Lichtjahre entfernt ist die gleiche Palette an Farben wie auch der Sonnenaufgang und Untergang in dieser Welt. Ich sehe rote Riesen, uralte Sterne in deren Inneren der Wasserstoff bereits bis hin zu schweren Elementen wie Eisen fusiert ist, kurz vor ihrem Tod. Helle Nebel volle neuer Sonnen kurz nach der Geburt bevölkern die Ränder und das Netz von dunkler Materie überzieht den luftlosen Raum zwischen den Welten. Goldene Fäden spannen sich zwischen den Sternen, pure Energie, genannt Leben, zieht sich wie ein gigantischer Strudel über unsere Galaxie und darüber hinaus. Das ist das Wunder, dem zu huldigen die Menschen vergessen – die pure Existenz. Langsam verschmilzt das, was ich noch bin und das, was sie ist, mit dem Wasser. Rasend schnell durchlebe ich alles, die Bäume, die Berge und den unerreichbaren Himmel. Kurz bevor wir untergehen sehe ich ein schneeweißes Pferd am Rande des Wassers stehen. Freude ist die letzte Emotion. Es gibt sie also doch, sie haben überlebt, am Rande der Welt. Die Wesen zwischen Licht und Schatten, fragil und doch unangreifbar, für die kein Platz ist in einer Welt voller Rationalität und Elektrizität.

Und dann, innerhalb eines Wimpernschlags, verändert sich der Himmel und ich verliere alles, was ich an Kraft noch hatte. Alpha Centauri wandert nach links, Sirius verschwindet hinter dem Horizont, Merkur, Venus, Mars und Saturn rücken in unerreichbare Ferne. Dieser Ort liegt jetzt zwischen den Falten des Universums, nicht hier und nicht dort, verbunden mit allem was Leben ist, gehalten durch meinen Geist. Dieser Ort ist die Natur selbst, und sie braucht einen Hüter. Der letzte Platz, den wir nicht zerstört und gerodet haben, der letzte Ort, an dem die Magie überlebt hat, die die Menschen aus ihrem Herzen verbannen, immer und immer wieder, mit jedem Blick auf die kleinen Bildschirme, die unser Hirn zersetzen. Die uns taub machen für die Stimmen der Geister, verführerisch und gefährlich, die uns blind machen für die Wunder der Magie, die sich in jedem Grashalm und in jedem Lebewesen zeigen. Besitz, Köper, alles was mich ausmachte ist nicht mehr von Bedeutung. Was zählt ist das SEIN, das ICH, die Wahrnehmung mit der wir die Welt erleben, die pure Existenz der Seele. All der Besitz, mit dem wir unsere Persönlichkeit verschleiern, uns betäuben und verstecken, schneidet uns ab von dem was wir wirklich sind. Die Menschen haben verlernt zu träumen und damit aufgehört, die Welt mit ihrer Phantasie zu bevölkern und in Atmen zu halten. Das milchige Band am Himmel nimmt mich auf und ich vergehe im Strudel des Lebens. Die Aufgabe der Stabilität führt zum Erwachen.

Ein Gedanke zu „Die Herrin des Waldes“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s