Kurzgeschichten

Xuiy

Xuiy, dessen Name in seiner Sprache dem hohen C einer Flöte glich, suchte mit seinen Augen den Horizont ab. Die Filtermaske auf seinen Luftorganen zischte leise, als er tief einatmete. Er stand auf einer Klippe aus rotem Gestein, die sich hoch über einer trostlosen Ebene entdeckte.  Die einst undurchdringlichen Urwälder waren längst verschwunden und hatten eine staubige Wüste hinterlassen, die bis zum Horizont reichte. Früher waren hier Rohstoffe abgebaut worden doch die riesigen Geräte hatten schon vor langer Zeit das letzte bisschen aus der Erde gerissen. Die tiefen Furchen, die wie hässliche Narben die Adern der fossilen Brennstoffe markierten, zogen sich meilenweit in das Innere des Planeten. Nun lag alles brach. Durch die Giftstoffe, die verwendet worden waren um den maximalen Profit zu erzielen, waren diese alten Tagebauminen die wenigen Orte, die nicht bewohnt waren.

Die Lichtstrahlen der aufgehenden Sonne verwandelten das triste Grau der Steine und ein leuchtendes Gold. Er liebte diese Momente. Wenn das Licht, dass das Leben brachte, am frühen Morgen über die Wüste flutete, schien das, was eigentlich der Tod war, fast wie der Neubeginn eines Lebens. Auch war der Sonnenaufgang der einzige Zeitpunkt an dem das Licht den Anschein erweckte, nicht durch kilometerdicke Feinstaubschichten in der Atmosphäre gefiltert worden zu sein. Langsam nahm die Sonne ihren Lauf über den trüben Himmel und warf ihr Licht trotz allem mit voller Kraft auf die schattenlose Ebene. Die Temperatur stieg schnell und wie jeden Tag hatte die erhitzte Luft kaum eine Chance unter den Decken aus Staub zu entkommen. Am rechten Rand seines Blickfeldes nahm er verschwommen große Fabriken wahr, die die letzten Reste der hier abgebauten Rohstoffe in die Luft pulverten und damit die riesige Wolkendecke nährten, die den ganzen Planeten umfasste. Die Arbeitersiedlungen rund um diese Fabriken erstreckten sich meilenweit in die tote Ebene. Hier lebten die Ärmsten der Armen. Und es wurden immer mehr. Die verbrannte Erde unter ihm verlor das magische Glühen und nahm die traurige Farbe von Asche an.

Er erinnerte sich nicht an das natürliche Grün, dass seinen Planeten lang vor seiner Geburt dominiert hatte. Luft zum Atmen entstand schon längst nicht mehr aus natürlichen Stoffwechselprozessen, sondern wurde mithilfe ausgereifter Technologie künstlich in riesigen Laboren synthetisiert. Noch nie war er ohne Maske draußen gewesen. Nahrung kam nicht von den Feldern, sondern aus dem Reagenzglas. Pflanzen dienten hier nur noch zur Zierde und gediehen ausschließlich unter künstlichem Licht. Jede Familie hatte eine selbstversorgende Wohnkuppel für den Fall, dass die riesigen Solarspiegel im Orbit, die die Energieversorgung gewährleisteten, einen Defekt erleiden würden. 

Es gab viele Diskussionen darüber, wie es jemals hatte so weit kommen können. Manche meinten, man hätte das Bevölkerungswachstum früher eindämmen müssen. Das war wohl das Problem gewesen – durch die idealen Lebensbedingungen war die Bevölkerung schneller gewachsen als der technische Fortschritt. Manch anderer war der Meinung, dass alles Schuld der verflixten religiösen Fanatiker war, die die Fruchtbarkeit und die Kinder verehrten. Andere sagten, dass man wohl niemals hätte Frieden schließen dürfen. Wieder andere, dass man die Dezimierung durch konstante Sterilisierung der Bevölkerung schon vor 300 Jahren in Gang hätte setzten müssen. Längst hatte seine Rasse die Kontrolle über die Prozesse verloren, die sie ausgelöst hatten. Sie hatten Gott gespielt und geglaubt ihre Heimat nach ihren Willen formen zu können, nicht auf die Natur angewiesen zu sein, doch am Ende hatten sie den Krieg, den sie selbst angezettelt hatten, an allen Fronten verloren. Die Erwachsenen sprachen viel über solche Dinge, doch er war zu jung um die vielen Fachbegriffe und Gleichungen zu verstehen die Vater und Mutter Abend für Abend diskutierten.

Woran es auch lag, eines hatte er begriffen- Wir sind zu viele, viel zu viele. 

Es war nun schon der fünfte Monat ohne Regen. Nicht, dass Regen zur Bewässerung nötig gewesen wäre, nichts wuchs in der vergifteten Athmosphäre. Selbst wenn, schon lange pflanzte niemand mehr auf Felder und lieferte die wertvolle Ernte der Willkürlichkeit des Wetters aus, doch der erste Regen der Saison leitete eine Woche voller Feierlichkeiten und Tänze ein, an die sich die technisch hoch entwickelte Gesellschaft nach wie vor hielt.So stand er also Morgen für Morgen früh auf um die Regenwolken, die von Osten hätten kommen müssen, als Erstes zu sehen. Seine Uhr piepte erinnerte ihn an den Alltag. Ungefähr 45 Milliarden Uhren der Seinesgleichen taten es ihm auf dieser Seite der Kugel gleich. 

Auch in den nächsten Woche kam der Regen nicht. Auch nicht in der übernächsten. In der dritten Woche wehte der Geruch von Verwesung aus den Ghettos herüber und er begriff, dass die, die am wenigsten für die Katastrophe konnten, als erstes daran erstickten.

Seine Welt starb, und sein Volk starb mit ihr.


5 Gedanken zu „Xuiy“

    1. Danke! Ja, das ist ziemlich traurig. Aber ich hoffe, dass wenn man solchen Themen genug Aufmerksamkeit widmet die Menschheit doch noch eine Chance hat. Dir einen schönen Freitag und einen tollen Start ins Wochenende!

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  1. LIebe Rhini, das ist ganz toll geschrieben und sicherlich auch denkbar…und enorm düster… doch ich denke lieber an die Kraft und Vernunft der Jugend und der Völker dieser Erde soviel Druck aufzubauen, dass eine Änderung eintritt! Weiterhin vertraue ich in die unendliche Kraft der Natur und unserer Erde!!!

    Gefällt 1 Person

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