Literatur, Politisches

Über Abgeordnete und Klimakonferenzen

Das Gebäude, in dem die Konferenz statt findet, ist das Umweltforum Auferstehungskirche in der Nähe der Alexanderplatzes. Hier haben sich diese Wochenende über 300 Menschen aus allen Ecken Deutschlands zusammen gefunden, um sich über den Braunkohleausstieg zu informieren, zu diskutieren und vor allem um zu lernen, was man im privaten Rahmen dazu tun kann. Als wir das Gebäude betreten, das übrigens architektonisch der absolute Hammer ist, erwarte uns eine bunt durchgemischte Gesellschaft. Von offensichtlichen Ultra-Ökos über alt und jung Hippies bis hin zu den Normalos und Exzentrikern ist hier alles geboten. Eine junge Frau mit genervtem Gesichtsausdruck nimmt uns unsere Jacken ab, ein netter junger Mann händigt uns Namensschildchen und Konferenzprogramm aus und weist uns die Richtung zum Vortragssaal. Der Raum, der sich über die ganze Höhe der Kirche erstreckt und von einer schönen Galerie umgeben ist, ist voll gefüllt. Die Bühne mit zwei großen Leinwänden und einem Podium wird von weichem Licht beleuchtet. Ungefähr 350 modische Stühle mit Kissenbezug sind im Hauptschiff der „Mehrzweckkirch“aufgestellt. Kaum haben wir uns gesetzt, gehen die Jalousien der hohen Kirchenfenster runter, es wird dunkler, Gespräch um uns herum stocken, werden leiser und verstummen schließlich. Eine junge blonde Frau, Luise Mosel, und ein drahtiger Mann mit zerzausten Haaren und freundlichem Gesicht, Dr. Felix Kolb, kommen auf die hell erleuchtete Bühne und begrüßen uns ganz herzlich zum heutigen Tag der Klimakonferenz. Nach dem kurzen obligatorischem BlaBla zu Berlin, Wetter und dem gestrigen Abend, an dem Kimi Naidoo aus Südafrika von Amnesty International gesprochen hat (was wir aufgrund der katastrophalen Verkehrslage leider verpasst haben, yes, wir sind Auto gefahren, Schande über uns) wird auch schon Christoph Bautz angekündigt. Voller Elan springt der Mann auf die Bühne. Er trägt eine schmale Brille, das Haar wird langsam licht um die Schläfen und er strahlt eine Entschlossenheit aus, die mich beeindruckt. Seine Kleidung wirkt leicht vernachlässigt, so wie bei jemanden, der weiß, dass es Wichtigeres gibt als Mode. Ein typisch verkopfter, linker Schreibtischgelehrter. So denke ich. Doch als er zweimal gegen das Mikrophon geklopft hat, um den Saal dann mit seiner tiefen, angenehmen Stimme zu füllen, beweist er mir mit seinem ersten Satz direkt das Gegenteil. Auf beiden Leinwänden erscheint ein Bild von ihm im typischen weißen EndeGelände Overall. Im Hintergrund sieht man Schienen, Gewitterwolken, Bullen und noch weitere Aktivistis. „Letztes Wochenende“, sagt er, „Saß ich hier im Hambacher Forst auf den Schienen.“ Seine Rede beginnt er ruhig, langsam und bedacht. Doch je weiter er in seiner unschlagbaren Argumentationskette fortschreitet, desto energischer werden Stimme und Gesten. Er gestikuliert wild, reißt das Publikum mit, steigert Lautstärke und Tonlage in genau den richtigen Momenten, spricht die Leute persönlich an und appelliert an alles, was uns menschlich macht. Er stellt Fakten leicht verständlich dar, vermittelt uns das aus seinem Wissensfundus, was wir brauchen um gegen Kohlebefürworter zu argumentieren, zeigt uns auf, was es für Wege gibt und am welcher dieser Wege am schnellsten zu unserem Ziel führt: Die Klimaerwärmung auf 1,5° zu beschränken. Christoph Bautz ist der geborene Redner. Wäre dies ein Saal voller Klimaschutzleugner, ich bin mir sicher, jetzt wären sie es nicht mehr. Ich wünsche mir, mich einen Abend lang mit diesem offensichtlich hochintelligenten Mann unterhalten zu können. Trotz seines leicht verschrobenen Auftretens ist er so charismatisch, dass man ihn kaum unsympathisch finden kann. Es braucht mehr Menschen wie ihn, so viel mehr, die ihr Intellekt auf diese höchst effiziente Art und Weise einsetzte und die Masse mobilisieren. Denn genau das tut er: Er mobilisiert uns, gibt uns Ziele, die in Reichweite liegen, provoziert und leitet uns in die richtige Richtung. Wie ich später heraus finde, ist dieser Mann Geschäftsführer und Mitbegründer von Campact. Neben unzähligen Reden vor Bundestag & Co ist er bekannt für seinen Kopf gegen Glyphosat und natürlich gegen die Braunkohle. Aber jetzt zu den Fakten, die uns Bautz auf so geniale Art und Weise vermittelt. Hier geht es nicht mehr darum, den Klimawandel aufzuhalten, dafür ist es jetzt zu spät, sondern die globale Erwärmung auf 1,5° zu beschränken. Gelingt uns das, sinkt das Artensterben. 100 Millionen Menschen weniger sind vom steigenden Meeresspiegel bedroht. Von den Korallenriffen bleiben uns weltweit 30-10% erhalten. Das Risiko zu Umweltkatastrophen sinkt lokal. Allerdings lässt sich das alles nur mit schnellen Maßnahmen innerhalb der nächsten 10 Jahre erreichen, die, betrachtet man die CO2 Einsparung in Deutschland der letzten 10 Jahre, unwahrscheinlicher sind als eine spontan Liberalisierung von Alexander Gauland. Die geht nämlich ziemlich genau gegen 0. „Radikal ist das neue realistisch, meine Damen und Herren“, legt uns Bautz nahe. „Die Menschen in unserem Land wachen auf“, sagt er. Der Dürresommer 2018 habe den Deutschen erstmals gezeigt, dass auch sie in ihrer Blase aus Reichtum und Luxus nicht vor den Auswirkungen der klimatischen Veränderungen gefeit sind. Auch sind Punkte wie der Hambacher Wald, in denen sich die Konflikte verdichten, elementar und entscheidend für den Erfolg der Bewegung. Denn hier vermischen sich die gesellschaftlichen Milieus: Omis mit Enkeln neben linken Brutalos und Asylanten. Nicht nur Ökos, sondern die Mitte der Gesellschaft. Er spricht damit genau das an, was den Hambi für mich so besonders gemacht hat. Denn hier waren Status, Vermögen, Alter, Hautfarbe und Herkunft völlig egal. Hier ging es um ein gemeinsames Ziel, das alle miteinander verfolgt haben. Und plötzlich war man eins, frei von Vorurteilen. Er betont im Anschluss mehrmals das, was alle hier im Saal schon wissen: die Hälfte aller Kohlekraftwerke in Deutschland ist abschaltbar und 2030 MUSS das letzte Kraftwerk vom Netz gehen. Und weil er eben ein guter Redner ist, gibt er uns zum Schluss auch noch mit was jetzt passieren wird: Die Kohlekomission, die aus Experten, Politikern, Umweltorganisationen, Arbeitern und Unternehmern aus allen Sektoren besteht, soll bis Ende 2018  einen Fahrplan für den Kohleausstieg ausarbeiten, dessen Ziel eine verbindliche Gesetztesgrundlage sein soll. Für alle Sektoren, spricht Energiewirtschaft, Landwirtschaft, Industrie und private Haushalte sollen hier Einsparungen fest gelegt werden. Nachdem sich die Kohlekomission auf einen Fahrplan geeinigt hat, wird das Umweltministerium zunächst einen Entwurf für ein Klimaschutz Rahmengesetzt vorlegen, über den alle Ministerien abstimmen werden. Der Entwurf wird dann in den Bundestag eingebracht, debattiert und an Fachausschüsse verwiesen, die Änderungen am Entwurf vornehmen können. Schließlich stimmen die Abgeordneten über das Gesetzt ab und der Bundesrat muss anschließend zustimmen. Ein langer Weg. Da Gesetze im Bundestag beschlossen werden und unsere Abgeordneten darüber abstimmen, sollen wir (das Volk) parallel zur Weltklimakonferenz vom 3. bis zum 7. Dezember die Abgeordneten unserer Wahlkreise besuchen und überzeugen sich  für den Kohleausstieg stark zu machen. Christoph Bautz dankt für unsere Aufmerksamkeit und verschwindet so schnell von der Bühne, wie er aufgetaucht ist. Puh, das erscheint mir wie eine Sisyphos Arbeit. „Also nem Christian Schmidt von der CDU/CSU, der im Europaparlament unter vollstem Wissen der krebserregenden Wirkung Glyphosat durch geboxt hat, an den brauch ich als rhetorisch ungeschulter Bürger nicht heran treten und den vom Braunkohleausstieg überzeugen. Der weiß das, und es ist ihm scheiß egal. Der sieht sowieso auf den ersten Blick dass ich Grün wähle.“, flüstert mir mein Freund ins Ohr. Er hat völlig Recht. Auch ich bin der Meinung, das wir uns unsere Zeit für anderen Fronten aufsparen sollten. Natürlich: Demokratie ist das Volk, und wenn die Mehrzahl der Christian Schmidt Wählerschaft an ihn heran tritt und von der Angst vor dem Klimawandel spricht, würde er sich sicherlich im Bundestag stark machen für unsere Bedenken. Wenn allerdings Einzelne offensichtlich linke und grüne Wähler an ihn heran trete, auf deren Stimme er sowieso nicht zählen kann, wird die Entscheidung wohl nicht schwer fallen denn: Wir sind keine Lobbyisten, wir bringen kein Geld, wir sind keine Wähler, wir bringen keine Macht, warum also sollte man uns beachten? Auf der anderen Seite: Wenn wir alle direkt aufgeben, wird sich nichts änder.

Die Menschen stehen auf und strömen aus dem Saal, während wir beide noch versuchen uns zu orientieren und den Workshop zu lokalisieren, der als nächstes auf dem Programm steht. Hier sollen wir lernen, wie man Abgeordnete besucht, mit Ihnen spricht und sie letztendlich auf seinen Seite zieht. Nachdem erst mal, so wie das in der linken Hälfte der Gesellschaft halt ist, Gesprächsregeln, Respekt und Toleranz von den beiden Leitern fest gelegt werden und 10 mal gefragt wird, ob das auch wirklich für alle so okay ist, gehts los. Die nächsten zwei Stunden bis zur Mittagspause vergehen wie im Flug. Wir haben mehrere Menschen in der Gruppe, die sich wirklich gerne wichtig machen und mit politischen Wissen und Fachbegriffen um sich werfen, die ich in meinem Leben noch nie gehört habe. Die meisten haben aber auch mindestens 50 Jahre mehr Lebenserfahrung und reden so viel, dass man meinen könnte sie hätten ebenso lang mit niemandem gesprochen. Eine alte Nürnbergerin, die aussieht wie ein Schildkröte, ist wirklich ganz unausstehlich und besserwisserisch, das ich ihr am liebsten mein Programmheft um die Ohren hauen würde. Aus Anstandsgründen muss ich mich aber damit begnügen, den Platz unauffällig mit meinem Freund zu wechseln und ihn danach leicht schadenfroh dabei zu beobachten, wie er versucht die selben Emotionen zu verstecken, die mich zu meinem Platzwechsel bewogen haben.  Viele Fakten und Ratschläge ziehen an mir vorbei und mein Kopf ist langsam so voll, dass ich kaum noch etwas aufnehmen kann. In den Gesprächen mit den Abgeordnetem soll man eines in den Vordergrund stellen: die persönliche Geschichte, die einen dazu gebracht hat aktiv zu werden. Meine Gründe haben sich damals in Peru so tief in meine Netzhaut eingebrannt, dass ich die Slums um Lima nie wieder vergessen werde. Hütten aus Plastiktüten und Wellblechdächern in einer Umgebung, die ohne jedes Grün im grauen Dunst der Pazifik Küste liegt, immer kalt und immer nass. Hier wachsen keine Pflanzen, denn es ist Wüste, hier wächst nur Armut, Leid und Krankheit. Kinder, die zusammengerollt im Straßengraben liegen, Frauen mit zerfetzten Klamotten die kaum reichen um ihre Körper zu bedecken und Männer mit Pistolen, die mit grimmiger Miene die fünf Quadratmeter Land bewachen, die sie ihr Eigen nennen und auf denen sich ihr gesamtes Hab und Gut samt Familie befindet. Hier habe ich begriffen dass Klimaschutz keine Option ist, wenn man Tag für Tag darum kämpfen muss etwas zu essen zu haben. Dass es einem egal ist, was man da verbrennt wenn man ansonsten nachts erfrieren muss. Dass es genau diese Menschen sind, die die Auswirkungen des Klimawandels als erstes zu spüren bekommen, in ihren Slums direkt an der rauen Küste, wenn das Wasser steigt und die Fische verschwinden, die über Monate hinweg ihre einzige Nahrung sind. Dass es unsere Verantwortung ist, ein Luxus und gleichzeitig eine Verpflichtung, gegen das zu kämpfen was wir ausgelöst haben. Hat man diese persönliche Geschichte parat, so unser Anleiter, hat man das Wichtigste bereits in der Hand: die emotionale Komponente, mit der man das Gegenüber erreichen kann denn rhetorisch und argumentativ hat man diesen geschulten Politikern nichts entgegen zu setzen. Neben vielen anderen Ratschlägen und Vorgangsweisen ist das der Punkt, der mir am erfolgsversprechendsten erscheint. Da im nächsten Programmpunkt nach der Mittagspause zwei Abgeordnete sprechen werden und mit uns zusammen erarbeiten sollen, wie man ihre Kollegen am besten überzeugen kann, schreiben wir jetzt Fragen auf kleine bunte Zettel. Dann gibts (endlich) Essen. Natürlich alles vegan und bio, schmeckt aber verdammt gut. Lachend und lästernd stellen wir uns mit unserer voll beladenen Tellern an einen Tisch zu einer jungen Frau, die uns anlächelt und sofort ins Gespräch mit einsteigt. Nachdem wir einige Minuten geplaudert haben erklingt ein lauter Gong (Mensch, das ist ja wie in der Schule) und alle nehmen wieder Platz im großen Saal.

Die etwas verwirrt und chaotisch wirkende sympathische Frau, die vorhin beim Essen gepflegten Smaltalk mit uns geführt hat, kommt auf die Bühne. Ihre wilden Locken sind gebändigt. Sie wirkt stark, zielstrebig und sehr konzentriert. Von der Zivilistin zur Politikerin, denke ich. Ihr Name ist Dr. Julia Verlinden, Abgeordnete der Grünen eines mir unbekannten Wahlkreises irgendwo in Hessen. Die Fragen, die wir vorhin im Workshop auf die bunten kleinen Zettel geschrieben haben, werden vorgelesen. Und wir kriegen auch Antworten, genau mit der richtigen Dosis Fakt. Politiker Antworten, die zwar viele Worte, aber kaum Inhalt haben. Der Raum zwischen den Zeilen ist fast so groß, dass man sich  hinein fallen lassen kann. Klaus Mindrup, der zweite Abgeordnete auf der Bühne, SPD Fraktion des Wahlkreises Berlin, ist im Fragen beantworten fast noch besser als Fr. Verlinden. Er schafft es, fast jede Frage zur Braunkohle so zu umzustellen, dass er sie irgendwie mit Wohnungsbau und Mietpreissenkung beantworten kann. Ein Blick in Programmheft zeigt auch warum „Seit 2018 führt Klaus Mindrup den Vorsitz im Ausschluss Bau, Wohnen, Stadtentwicklung.“ Für Ihn geht es hier nicht um den Kohleausstieg, sondern um Wählerfang. Unsere Aufmerksamkeit schwindet zusehend, die Enttäuschung wächst denn das ist nicht das, was wir uns erhofft hatten. „Wir müssen aufhören, uns auf den Kohleausstieg zu versteifen. Die Energiewende im Wohnungsbau ist zur Einhaltung der Klimaschutzrichtlinien mindestens genauso wichtig.“ Also bitte. Jemand der mir erzählt dass besser Dämmen innerhalb von 10 Jahren zu den gleichen Ergebnissen führt wie Kraftwerke ausschalten, den kann ich leider wirklich nicht ernst nehmen. So scheint auch die allgemeine Stimmung im Saal zu sein. Die Fragen, die jetzt persönlich gestellt werden, werden immer kritischer und konkreter, doch die Moderatoren setzten dem Ganzen aus zeitlichen Gründen ein Ende. „Ich bin so froh, hier zu sein und so viele Leute zu sehen die Bock auf Klimaschutz haben, denn im Bundestag, da hat keiner Bock auf Klimaschutz und da stehen wir immer ganz alleine da.“, ruft Dr. Verlinden kurz vor dem Verlassen der Bühne ins Mikro. Sogar die, die davor noch die kritischsten Fragen gestellt haben applaudieren jetzt laut. Man gebe dem Volk also ein gemeinsames Feindbild, und tattaaaah, alle sind dabei. Innerhalb von Sekunden hat diese Frau alle Leute hier auf ihre Seite gezogen. „So funktioniert also Politik“, sagt mein Freund, und ich muss ihm zustimmen.

Trotz des (meiner Meinung nach) misslungenen Gesprächs mit den Abgeordneten gehen wir mit einem positiven Gefühl aus dem Tag. Wir haben einen unglaubliche Rede von Christoph Bautz mit bekommen, wir haben gelernt, wie man Politikern begegnen kann, wir haben neue Leute für unser Netzwerk mobilisiert, wir haben gesehen und verstanden wie Abgeordnete sprechen und was passiert, wenn sie es tun.

Solltet ihr Interesse an Infomaterialien über Braunkohle, Campact & Co haben, zögert nicht mich zu kontaktieren!

 

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