Kurzgeschichten, Literatur

Wälder

Sie nimmt einen langen, tiefen Atemzug. Sie spürt, wie die klare, frische und saubere Luft durch die Kehle, in die Lunge, bis tief hinunter in den Bauch gezogen wird. Ihre Augen sind geschlossen. Noch wagt sie nicht, sie aufzuschlagen, aus Angst, die grünen Lichtpunkte im Inneren Ihrer Lieder könnten eine Illusion sein, die zerplatz sobald sie die Augen öffnet. Die Lichtpunkte tanzen über ihre Netzhaut, ziehen helle Streifen in die Dunkelheit von denen sie magisch angezogen und ins Licht gelockt wird. Sie schlägt die Augen auf. Ihre Pupillen verengen sich blitzartig und für einen kurzen Moment ist sie orientierungslos. Verwirrt blinzelt sie schnell mehrere Male hintereinander. Lichtblitze zucken vor ihren Augen und es fühlt sich an, als kippe die Welt um sie herum wild von rechts nach links. Die Sonne, die über ihr durch die Äste bricht und sich in den glänzenden Oberflächen der grünen Blätter spiegelt, sticht ihr gleißend hell in die Augen und ein ballernder Schmerz durchfließt ihren Schädel. Ihr Sichtfeld flackert kurz und verschwindet dann, es wird schwarz, ein steriler weißer Raum blitzt auf und verschwindet wieder. Ihre Finger krallen sich in den Boden. Das Schaukeln wird besser, als sie die Lider wieder schließt.

Ihre Hände gehen auf Wanderschaft über den mit Blättern und Moos bedeckten Boden. Die Blätter sind rau und trocken, das Moos fühlt sich weich und feucht an. Der Zeigefinger ihrer rechten Hand ertastet ein Stück Rinde. Sie nimmt es behutsam in die Hand und streicht ehrfürchtig darüber, spürt die tiefe Maserung. Langsam öffnet sie die Augen erneut und fokussiert sich dieses Mal direkt auf das Stück Rinde. Ihr Blick verfolgt die Spur der Täler und Berge, die sie an die Furchen im Gesicht ihres Großvaters erinnern, und ein leises Lächeln stiehlt sich auf ihr Gesicht. Behutsam richtet sie sich auf, das Stück Rinde immer noch in der Hand. Ein warmer Windhauch streift sanft ihre nackte Haut. Er trägt den Geruch nach Erde, Blüten und Sommerregen mit sich. Die Stellen, an denen die Sonnenstrahlen das dichte Blätterdach des Waldes durchstößt und bis zu ihrem Körper vordringen, fühlen sich warm und behaglich an. Der Boden, auf dem sie sitzt, ist von Moos und trockenen Blättern bedeckt und deshalb so weich wie ein Himmelbett. Das Licht über ihr wird durch tausende Blätter tausende Male gebrochen. Langsam bewegt sie ihre Zehen, beginnt ihren Körper zu spüren und versucht sich aufzurichten. Ihre Beine gehorchen ihr noch nicht ganz. Als sie schließlich steht und ihre Arme in den Himmel reckt, um die Steifheit aus ihren Gliedern zu vertreiben, spürt sie die Kraft in ihrem schlanken Körper. Sie ist nackt, doch es kümmert sie nicht. Die paar Schritte bis zum nächsten Baum, eine alte Eiche, fallen ihr schwerer als gedacht und sie lässt sich erschöpft mit der Stirn gegen ihn sinken, als sie es geschafft hat. Sie breitet ihre Arme aus und umschließt den Stamm soweit sie es vermag. Sie will eins werden mit diesem uralten Riesen, diesem Wunder der Natur, diesem Lebewesen, das mehr gesehen hat als es je ein Mensch vermag. Sie presst ihr Gesicht dagegen und atmet den harzigen, süßen Geruch ein. Sie lächelt breit und glücklich. Der Baum gibt ihr ein Gefühl von Geborgenheit, von Kraft, die sie dankend aufnimmt und in ihrem Körper überträgt. Dann löst sie sich von dem Stamm und beginnt zu laufen, wobei sie bei jedem Schritt knöcheltief ins weiche Moos einsinkt. Wind kommt auf und das Rauschen der Blätter, gepaart mit den süßen Stimmen der Vögel, vereint sich zu einer Symphonie des Frühlings. Es scheint, als wisse jeder Part seinen genauen Einsatz und alles klingt so harmonisch und wunderschön, dass ihr die Tränen in die Augen steigen.  Ausgedehnte Blumenteppiche weißer Blüten durchdringen den Waldboden und ziehen Bienen und Insekten an, deren Summen sich in den Gesang des Waldes einfügt. Sie lauscht dieser Melodie andächtig und ehrfürchtig.

Ein schneidendes Klingeln durchbricht den harmonischen Moment. Es wird immer lauter, beginnt ihr in den Ohren zu schmerzen und kommt dabei näher. Sie weiß was das bedeutet, doch sie verweigert sich. Es ist zu früh, sie ist doch gerade erst angekommen. „Nein!“, brüllt sie dem Geräusch entgegen und Panik schnürt ihr gleich danach die Kehle zu. Sie wird hektisch, schaut sich ruckartig um und entschließt sich für eine Richtung. Dann rennt sie los. Obwohl sie weiß, dass ihre Flucht sinnlos ist, will sie diesen wundervollen Ort nicht verlassen, niemals wieder. Wie als bekäme sie eine Antwort auf ihren Fluchtversuch, wird das Klingeln schlagartig doppelt so laut. Schmerzerfüllt schreit sie auf. Plötzlicher Schwindel überkommt sie und wirft sie zu Boden. Orientierungslos versuche sie verzweifelt sich wieder aufzurappeln, doch der Boden scheint zu beben. Sie fasst sich an die Ohren und Blut klebt an ihren Fingern. Ein drückendes Gefühl fließt durch ihre Schädeldecke den Körper hinab und drückt sie gnadenlos auf den Boden. Sie kann kaum atmen, ein tonnenschweren Gewicht lastet auf ihrer Brust und quetscht die Lungen zusammen. Keuchende kämpft sie dagegen an, Schweiß tritt aus und lässt ihre nackte Haut im Licht der untergehenden Sonnen glänzen. Eine leichte Brise umweht sie und sie klammert sich verzweifelt an all das was sie mit sich trägt: den Frühling, den Duft des Holzes, das Rascheln der Blätter, den Geruch des feuchten Mooses und die lieblichen Stimmen der Vögel. Sie fühlt sich, als würde ihr der Körper entgleiten, fühlt sich gefangen und doch so frei. Das Blickfeld flackert und verschwimmt, ihre Lider werden bleischwer doch sie gibt nicht auf und versucht verzweifelt, die Augen offen zu halten. Das Letzte was sie sieht, bevor diese Welt verschwindet, ist ein kleiner Vogel mit azurblauen Brustfedern, der sich federleicht auf einem Ast über ihr niederlässt und sie mit schräg gelegtem Kopf anblickt.

Grobe Hände reißen sie gewaltsam hoch. Mit ganzer Kraft bäumt sie sich auf und ein dumpfer Schmerzenslaut ertönt als ihr Fuß auf einen weichen Körper trifft. Sie schlägt panisch um sich, doch starke Finger umfassen ihre schmalen Handgelenke und fixieren sie irgendwo über ihrem Kopf. Feuchter Atem, geschwängert mit Zigarettenrauch und Kaffee, streicht ihr über die nackten Schultern. Klinisches Weiß umgibt sie. Benommen öffnet sie die Augen und versucht verzweifelt, sich aus dem kalten Griff zu winden, wobei sie die Kanülen, die rechts und links in ihren Armen stecken, brutal heraus reißt. Blut fließt und befleckt den makellosen Boden. Der Griff lässt einen Moment nach und sie springt von der Liege, versucht weiter zu laufe, davon zu laufen, so wie im Wald, doch überall stehen Geräte, Bildschirme und andere Liegen, auf jeder ein Mensch, angeschlossen an die gleichen Geräte wie sie. Ihr Blick wandert zu dem einzigem Fenster im Raum, und ein gellender Schrei zerreißt ihre Kehle als sie das Licht ihrer zerstörten Welt erblickt. Licht, das auf Beton, Stahl, und Glas trifft, ungebrochen durch Schichten von Blättern, kalt und emotionslos. Graue Wolken aus Abgasen peitschen über den Himmel der gigantischen Stadt, die sich vom einen Ende des Horizonts bis zum anderen erstreckt. Die Sonne scheint weiter entfernt als je zuvor und ist nur als schwach leuchtender Punkt zwischen all den Giftschwaden zu erkennen. Pflanzen wachsen schon lange nicht mehr in dieser verseuchten Atmosphäre.

Sie ist zurück daheim, in ihrer Welt ohne Grün.

15 Gedanken zu „Wälder“

  1. Der Text ist genial geschrieben. Beeindruckende Bilder, die einem sowohl die Schönheit als auch den Schmerz sehr intensiv vermitteln.
    Wow! 🙂

    P.s.: Seltsam, dass der Beitrag nicht in meinem WordPress-Reader erschien.

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    1. Vielen Dank dafür, ich bin froh zu hören, dass die Message ankommt 🙂 So ein positives Feedback tut richtig gut, aber das weißt du ja 🙂
      ohje, danke für den Hinweis. dem muss ich gleich mal nachgehen

      Gefällt 1 Person

      1. Hoffe ich mal, bin ja noch neu hier und noch nicht so drin in der ganzen Materie. Vielleicht kannst du mir ja Bescheid geben, sollte es dir nochmal auffallen 🙂 Danke für deine Unterstützung!

        Gefällt 1 Person

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