Literatur, Politisches

Über Polizeiketten…

…und wie man sie durchbricht.

Es stehen sich 32 Menschen in München am Königsplatz gegenüber. Einige kennen sich bereits. Gruppen, die seit Jahren zusammen auf Demos gehen und schon mehr Pfefferspray eingeatmet haben als wohl gesund ist. Mädels, die sich aus der Schule kennen und zusammen aus dem System ausbrechen wollen. Jungs, die offensichtlich mehr Groll gegen die Polizei haben als sie sollten. Ein paar Einzelkämpfer, ein paar Nerds, ein Pärchen, welche die auch auf jeden Fall schon in Wackersdorf gekämpft haben und ein paar Aussteiger. Menschen, die man so nie zusammen gebracht hätte. Und doch liegt über der Gruppe ein stilles Einverständnis, eine leicht verschwörerische Aura.

Denn wir sind heute hier für ein Aktionstraining. Wir lernen, wie man Sitz – und Stehblockaden bildet, was Bezugsgruppen, Buddys und Konsens sind, welche Rechte wir haben, wie man sich am besten von der Polizei weg tragen lässt und – am wichtigsten – wie man ihre Ketten durchfließt. Wir bereiten uns auf die große Aktion zivilen Ungehorsams am Hambacher Wald vor. Hier sollen dieses Wochenende Kohlebagger und Infrastruktur von RWE blockiert werden, um auch dieses Jahr wieder ein klares Statement gegen Braunkohle zu setzten. EndeGelände ist eine rein friedliche Aktion. Hier geht es nicht darum, Dinge zu demolieren und zu zerstören, hier geht es um Blockade auf eine friedliche Art, ohne Gewalt. Immer wieder sagen die Anleiter uns, dass weder die Polizei noch die RWE Arbeiter unser Feind sind. Die Augen sprechen von ganz anderen Dingen. Es geht um Pfefferspray, Schmerzgriffe und Knüppel – man sieht, dass manchen Leuten hier damit schon mehr Erfahrung gemacht haben als Ihnen lieb ist.

Es gibt keine Vorstellungsrunde. Das ist angenehm, denn irgendwie vertrauen wir uns. Nachdem kurz abgefragt worden ist, wer wie viel Erfahrung hat und wo für wen die Grenzen sind, geht es auch schon los. Die einen sind die Polizei, die anderen die Aktivistis. Die Polizisten bilden eine Reihe und sollen verhindern, dass wir die Kohlengrube erreichen. Mit Zeitungspapierrollen als Schlagstock versuchen die Polizisten uns aufzuhalten, als wir laut singend auf sie zu marschieren. Keine Chance. Wir wiederholen die Übung, wieder und wieder, lernen verschieden Techniken die Ketten auseinander zuziehen, Lücken hinein zu reißen und den Gegner zu verwirren. Dass man zu zweit gehen kann, aber auch alleine. Dass man es in dieser Phase der Aktion vermeiden soll, den Bullen in die Augen zu sehen. Denn dann haben sie dich. Dass es wichtig ist, sich aufzufächern. Es gibt geheime Zeichen für „Weiter“, „Stop“, „Aufteilen“ und „Aufschließen“. Auch wenn jeder der hier Anwesenden sich ohne weiteres als Pazifist bezeichnen würde, ist es wie Krieg spielen. Ich fühle mich wie ein Kind, ein Kind mit politischen Ambitionen. Die Leute hier reißen einen mit. Es ist nicht peinlich, herumzurennen, laut zu singen und sich „lächerlich“ zu  machen so wie es einige der Zuschauer am Rand der Grünfläche nennen. Sie tragen Fellmäntel, Luis Viton Taschen und Karl Lagerfeld Kleider. Klar erhält man hier in München, Regierungssitz des bayrischen Königs Markus Söder aus dem Hause CSU, nicht sonderlich viel Zuspruch.

Schließlich kommen wir zur Blockade. Es gibt verschiedene Techniken sich weg tragen zu lassen – das Paket, der nasse Sack, Mitlaufen oder weiter blockieren. Bei der Übung dazu stelle ich fest, dass es absolut nicht angenehm ist geräumt zu werden. Meine beiden Partner packen mich grob unter den Achseln und zerren mich zum anderen Ende des Platzes, nachdem ich aufgefordert worden bin mit zu kommen und das verweigert habe. Denn egal wo, wie und warum man blockiert: Die Polizei muss dir, bevor du geräumt wirst, die Chance geben mit zu kommen. Hier ist argumentieren sinnvoll: „Das ist auch ihr Lebensraum, finden Sie das gut was Sie da gerade tun, die Braunkohle zerstört auch die Zukunft ihrer Kinder, RWE ist nicht nur unser Problem sondern auch Ihres, niemand muss Bulle sein….“ Wenn man sich entscheidet, aus freien Stücken mit zu kommen: Schnürsenkel binden, langsam laufen, ausrutschen, Schmerzen vortäuschen und rumalbern ist gut – schließlich geht es darum, möglichst viel Zeit zu schinden. Immer wieder wird uns gesagt, dass man nur das tun soll was sich gut anfühlt und die eignen Grenzen nicht überschreitet. Trotz der mitreißenden Gruppendynamik wird peinlich genau darauf geachtet, dass jeder seine Grenzen einhält. Hier geht es um die Bedürfnisse des einzelnen und jeder wird gehört. Es ist kein Wettstreit, nicht wer traut sich mehr und wer macht mehr Krawall, alle konkurrierenden Gefühle werden im Keim erstickt. Denn wir sind eine Gruppe, und wir sind mehr. Zum ersten mal habe ich hier, in München, das Gefühl was ich auf all den Demos nicht hatte. Eine Einheit, eine Gruppe zu sein, die ein gemeinsames Ziel hat. Braunkohleausstieg. Wieder spielt die eine Hälfte die Polizei. Wir, die Aktivisten, setzten uns in der Dämmerung auf die nasse Wiese und verkeilen uns mit Händen und Füßen ineinander. Ich kenne die beiden Frauen neben mir nicht, die eine 20, die andere 50, doch wir umschlingen uns gegenseitig mit Armen und Beinen. Die Polizei kommt und räumt uns. Wir singen laut und klammern uns aneinander. Wahnsinn, wie stark man sich allein mit Körperkraft aneinander ketten kann und wie lange es braucht, bis man uns auseinander gezogen hat. Die Finger werden zuerst aufgebrochen doch die Beine halten unglaublich lange durch. Wir drei sind die Letzten die geräumt werden. Wir haben unseren Job gut gemacht. Die Anleiter machen uns klar, dass hier in der Realität Schmerzgriffe, Wasserwerfer und Pfefferspray eingesetzt wird. Da hält keiner so lang durch. Die Jungs, denen die radikale Einstellung regelrecht auf die Stirn geschrieben steht, schlagen aus Spaß vor dass man sich ja mit Fahrradschlössern aneinander ketten könnte. Die Anleiter werden ruhig und ernst. Das haben sie alles schon gemacht. Es gibt einen extra Workshop im Camp am Freitag, den sollen sie besuchen und ihre Aktion aus Sicherheitsgründen anmelden. Auch die Jungs hören jetzt auf Scherze zu machen. Sie besprechen sich kurz, dann fragt einer, welche Schlösser man am besten nimmt. Ich bin beeindruckt.

Es wird dunkler und kälter. Wir ziehen nach innen um für den theoretischen Teil. Ein befreundeter Anwalt, der uns beim Eintreten auch sofort seinen rechtlichen Schutz zusichert, sollten wir nach der Aktion Post bekommen, stellt die Räumlichkeiten zur Verfügung. Nachdem sich alle, teils auf Stühlen, teils auf dem Boden, in den Raum gequetscht haben wird als erstes das Thema Bezugsgruppen angesprochen. Eine Gruppe von 6-10 Leuten, die bei der Aktion aufeinander aufpasst. Jede Gruppe hat einen individuellen Namen, der sich, wenn jemand verloren geht, im „Finger“ wie ein Lauffeuer verbreitet und man so zurück zu seinen Leuten findet. Der „Finger“ ist eine „Angriffswelle“ an einem Ort der Aktion. Die Leute sollten in etwa das gleiche Aktionslevel haben, heißt sie sollten in etwa gleich weit gehen wollen. Das heißt in dem Fall: Aufstehen nach der ersten Aufforderung der Polizei (es gibt 3 bis sie anfangen zu räumen), mitlaufen bei Räumung, sich weg tragen lassen, sich aneinander klammern, sich an den Bagger ketten etc. Jede Bezugsgruppe hat einen Sprecher, der darauf achtet dass von jedem die Meinung gehört wird. Denn das ist ganz wichtig: hier gibt es keinen Mehrheitsentscheid, sonder jeder muss gehört werden. Wir lernen verschieden Arten der Meinungsfindung um genau das zu vermeiden: das jemand in etwas hineingezogen wird, das er nicht will. In der Blockade treffen sich die Sprecher der Bezugsgruppen regelmäßig um mit der Polizei zu verhandeln, das weitere Vorgehen zu bestimmen und sich über andere Dinge zu beraten. In der Blockade gibt es einen Kloort, ein Versorgungsteam wird rein gelassen, Zeiten und andere Vereinbarungen müssen mit der Polizei ausgehandelt werden. Danach geht es über zu dem, was uns rechtlich passieren kann. Es wird uns geraten, keine Ausweispapiere mit uns zu führen. Denn wer nicht identifiziert wird, kann auch nicht angeklagt werden. 12 Stunden darf uns die Polizei auf der Wache fest halten und versuchen, unsere Identität fest zu stellen. Schaffen sie das nicht, müssen sie uns laufen lassen. Die Strafen, die uns erwarten, liegen bei normalem Blockadeverhalten nur im Bußgeldbereich. Alles andere sind Märchen der Polizei. Da das ganze auf privatem Boden von RWE stattfindet, fällt die Aktion unter das private Recht. Die Androhungen von wegen öffentlicher strafrechtlicher Verfolgung, die ich auf Demos schon oft mitbekommen habe, sind Quatsch.

Als das Treffen zu Ende ist, zerstreut sich die Gruppe recht widerwillig. Obwohl kaum einer die Namen der anderen kennt, hat jeder das Gefühl man zerbräche die wertvolle Blase aus geheimen Wissen und Zusammenhalt wenn man geht. Schließlich fällt die Tür hinter dem Ersten ins Schloss und der Zauber ist gebrochen. Wir sehen uns nächstes Wochenende mit 10.000 anderen Aktivisten im Hambacher Wald.

2 Gedanken zu „Über Polizeiketten…“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s