Kurzgeschichten, Literatur

Verschlossene Welten

Das junge Mädchen läuft durch die Gänge der Bibliothek.

Ihre kleinen Hände streichen fasziniert über die Rücken der in Leder gebundenen Bücher, ab und an neigt sie den Kopf zur Seite und betrachtet die Prägungen auf einem der Folianten genauer. Manchmal bleibt sie stehen, horcht, und versucht das einzufangen, das in der Luft liegt. Sie öffnet den Mund, in der Hoffnung es vielleicht zu schmecken doch das Einzige, was ihr Lippen berührt ist der uralte Papierstaub uralter Bücher. Auch zu riechen ist nichts, bis auf den feinen Hauch von Leder und Leim. Vor ihren Augen tanzen die Staubpartikel der Luft im Licht der Abendsonne, was durch die hohen Bogenfenster irgendwo hinter und über ihr herein fällt, und sie sieht die Bücher, die sich in ihren Regalen aus dunklem Holz bis fast unter die mit Stuck verzierte Decke türmen.

Die Sonne wärmt ihren Rücken.

Vor ihr scheint der schmale, hohe Gang kein Ende zu nehmen, neben sich kann sie durch den schmalen Spalt zwischen Buch und dem darüber liegendem Regalboden die nächsten Regalreihen erkennen. Der Schatten ihrer zierlichen Figur zeichnet sich scharf umrissen auf dem hellen Parkettboden ab, dort gefangen, unfähig sich ohne sie zu bewegen, und sie beobachtet kurz, wie sich die Schultern des Schattens, ihre Schultern, im Takt ihrer Atmung heben und senken. Trotz der Höhe und der scheinbaren Unendlichkeit des Ganges fühlt sie sich nicht verloren oder unwohl, nein, Geborgenheit und Sicherheit steigen in ihr auf und füllen ihre Brust mit Wärme.

Die Hände des Mädchens verharren kurz auf einem Buch, dessen Einband mit goldenen Lettern geprägt ist, und ihr Finger fahren den Schwung der edlen Buchstaben nach. Sie ist begeistert, fasziniert und neugierig.  Sie weiß, dass verstorbene Menschen durch ihre Bücher sprechen, dass sie ihr Wissen, ihre Erfahrung und auch ihre Träume darin am Leben erhalten können. Kurz überlegt sie, ob es ein Festhalten am Leben ist, was diese toten Dichter, Autoren und Schreiber hier taten, ein Festhalten am wertvollsten Schatz den ein Mensch besitzt. Ob sie sich selbst in Buchstaben, Sätze und Geschichten bannen, um diesen Schatz nicht aufgeben zu müssen. Vielleicht, so denkt sie, sind die Bücher aber auch nur eine Möglichkeit gewesen geheime Träume und Gedanken zu verwirklichen, die Abenteuer dieser und anderer Welten im Kopf zu erleben, daheim und in Sicherheit, ohne sich in Gefahr begeben zu müssen. Oder aber sie schrieben diese Texte aus Großmut, aus der Bereitschaft heraus ihr Wissen, und sei es noch so primitiv, weiterzugeben an die nächsten Generationen. Während sie weitergeht, betrachtet sie den Schatz der riesigen Ansammlung an Gedanken, der sich vor ihr auftut. Unendliche Möglichkeiten um zu lernen, zu erleben und zu fühlen.

In ihren Fingerspitzen, die andauernd in Kontakt mit Leder und Papier sind, kribbelt es. Aus den Tiefen des Stroms ihrer Gedanken kristallisiert sich ein einziger, glasklarer Wunsch hervor. Wie von einem gleißend hellen Sonnenstrahl erfasst verfestigt sich dieser Wunsch, nimmt allen verfügbaren Platz in ihrem Kopf ein und wandert durch ihren Körper hinab, zuerst ins Herz, das er entflammt und schneller schlagen lässt, dann breitet sich die Wärme in ihrer Hand aus und manifestiert sich in dem Punkt ihres Zeigefingers der den dunklen Einband berührt. Das Verlangen, ein Buch aufzuschlagen, wird übermächtig. Sie merkt, wie ihr Atem sich beschleunigt, Adrenalin durch ihre Adern schießt.

Das junge Mädchen hebt den Kopf und lauscht.                                                                      Nichts.                                                                                                                                                    Die hellen Haare fallen ihr ins Gesicht als sie den Blick wieder senkt und unwirsch wirft sie diese über die Schulter. Ihre schmalen Hände krallen sich in den groben Stoff ihres Kleides, als sie fieberhaft überlegt.

Schließlich, ohne sich ihrer Tat wirklich bewusst zu sein, umfassen ihre Finger ein Buch und ziehen es aus dem Regal. Ehrfürchtig streicht sie über den Einband, den Buchrücken, fühlt Leder, Papier und eingeprägte Buchstaben. Lange bestaunt sie das Stück Geschichte, das Stück Abenteuer, den Traum –sie weiß es nicht – in ihren Händen. Sie saugt jedes einzelne Detail in sich auf, speichert es ab, um es später immer wieder abrufen zu können. Sie studiert jede einzelne Linie und Falte im Leder, ja, sie prägt sich sogar die Spiegelung des Lichtes in den goldenen Lettern ein. Sie zählt, soweit sie kann, die Haare des geflochtenen Lesebändchens.

Das Mädchen betrachtet das Buch zärtlich wie eine Mutter ihr Kind oder ein Geliebter seine Geliebte. Sie will es schon aufschlagen, als sie den Kontrast zwischen dem dunklen Leder und ihrer hellen Haut bemerkt, der wirkt wie ein weißer Streifen Mondlicht auf einem tiefen Bergsee, wie weiße Seide auf schwarzem Samt, und er lässt sie für einen Moment zögern. Dann gibt sie sich einen Ruck und ganz langsam, um die Magie des Augenblicks nicht zu zerstören und vor allem um den Schatz in ihren Händen nicht zu beschädigen, öffnet sie das Buch.

Unwillkürlich hat sie den Atem angehalten, sie atmet aus, wieder ein – und ihr steigt ein zuvor nie wahrgenommener Geruch in die Nase. Druckerschwärze, Papier, Leder, Bleichmittel, Abenteuer und Träume – all das verdichtet sich zu einem Duft, den sie aufnimmt, um ihn nie wieder zu vergessen. Sie starrt auf den wundervoll verzierten ersten Buchstaben einer Geschichte. Ranken umschlingen ihn, gespickt mit Blüten, so rot wie Blut auf dem weißen Papier. Kleine Tiere, deren Namen sie nicht kennt, sitzen darauf und betrachten sie mit funkelnden Augen, auf ewig in das Buch gebannt.

Die wahren Abenteuer finden im Kopf statt, denkt das Mädchen.

Sie wünschte, sie könnte lesen.

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