Kurzgeschichten, Literatur

Über Käfige

Die gelben Raubtieraugen durchleuchten mich einen Augenblick mit einer Intensität, die mich erschreckt und zugleich fasziniert. Ein wohliger Schauer läuft mir über den Rücken. Gebannt starre ich zurück, unfähig den Kontakt zu unterbrechen und den Blick abzuwenden. Das schwarze Fell glänzt seidig im Licht, das durch das Dachfenster direkt über ihm fällt, und die Muskeln darunter zeichnen sich deutlich ab. Sein Kopf, der Rupf und die Beine stehen alle im perfekten Maßstab zueinander. Augen und Ohren sind wach, aufmerksam. Der Blick gefährlich und klar. Er faucht – und offenbart mir dabei seine spitzen Reißzähne.

Als der Panther sich schließlich wieder erhebt, um seine unendliche Runde durch seinen endlichen Käfig fort zu setzten, kann ich meine Augen endlich von den seinen lösen. Er schaut mich ohnehin nicht mehr an. Die Realität hat sich über den Moment gesenkt – ich frei, er gefangen.

Nachdenklich betrachte ich ihn. Sein dunkles Fell, auf dem die zarten Muster des Leoparden nur noch schwach zu erkennen sind, entsteht durch einen rezessiven Erbgang und genau das ist es, was ihn so wertvoll macht. So wertvoll für Wilderer, Zoos, so wertvoll für Menschen.

 Seit einer halben Stunde sitze ich im Raubtierhaus des Berliner Zoos  auf den Stufen vor dem Pantherkäfig, den Zeichenblock auf den Knien und die Zeichenkohle in der Hand. Die Aufgabe meines Dozenten ist denkbar einfach: Zeichnen sie ihr Lieblingstier! Trotz meiner anfänglichen Euphorie sehe ich mich jetzt vor eine schwer lösbare Aufgabe gestellt. Wie kann man denn so viel Wildheit, Zorn und Schönheit einfach auf Papier bannen? Ich korrigiere mich – eine unlösbare Aufgabe. Die schweren Tatzen trommeln in einem gleichmäßigen Rhythmus, der mich beruhigt und mein Herz gleichzeitig hüpfen lässt, auf den gefliesten Boden. Es ist still, so still, das ich den Atmen des Panthers hören kann. Er klingt angestrengt, obwohl der Käfig so klein ist. Runde um Runde läuft er, den Blick auf den Boden. Und doch ist er nicht unaufmerksam, die Ohren sind gespitzt und die Muskeln angespannt. Er sieht aus, als könnte er jeden Moment los springen, durch die Gitterstäbe, direkt in die Freiheit.

Freiheit.

Etwas das ich habe, er aber nicht. Obwohl, überlege ich, bin ich wirklich frei? Was ist Freiheit eigentlich? Vielleicht die Kunst, zu gehen wohin man auch will. Vielleicht die Abwesenheit von Verpflichtungen jeder Art. Ist Freiheit wirklich das Gegenteil von Gefangenschaft? Ist man frei, wenn man liebt? Wieder betrachte ich den Panther. Er ist frei von Verpflichtungen und frei von Verantwortung, trotzdem aber gefangen. Es gibt zwei verschiedene Arten von Freiheit, denke ich, es gibt die körperliche Freiheit und die des Geistes. Geistig – lieben, wen man will. Körperlich – gehen, wohin man will.

Das einzige, was diese wilde Kreatur aber liebt ist seine Freiheit, dessen bin ich mir sicher. Seine Freiheit, die ihm genommen und ersetzt wurde durch einen Käfig, gerade mal einen Sprung lang, seine Umgebung, die umgetauscht wurde in das triste Grau Deutschlands. In seinen Augen sieht man die Trauer darüber, bilde ich mir ein. Trauer, die sich über viele Jahre hinweg in Wut verwandelt hat.

 Ihm fehlt der Dschungel mit seinen Geräuschen, seinen Bewohnern, Gerüchen und Pflanzen. Ich bin mir sicher, er vermisst das Grün der Bäume, das Geschrei der Affen und das Tröpfeln des alltäglichen Zenitalregens. Den Geruch der nassen Erde, auf die er lautlos seine Pfoten setzt wenn er auf der Jagd ist und die Witterung der Beute, die durch das Dickicht dringt. Die Anspannung der Muskeln kurz vor dem Sprung, das Splittern von Knochen zwischen seinen Kiefern und der Geschmack des frischen Blutes auf seiner Zunge. Das letzte Zucken eines Beutetiers und der damit kommende Triumph. Den Kampf um Revier, Weibchen und Nahrung..

In Gedanken versunken, überfliege ich das Schild, das an den Gitterstäben hängt, bis mein Blick an einer Zeile hängen bleibt.

Im Zoo geboren. 

Niemals frei gewesen.

Ich wende den Blick ab, stehe auf und gehe. Mein Zeichenblock bleibt leer.

10 Gedanken zu „Über Käfige“

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