Kurzgeschichten, Literatur

Ein Mord

Das weiße Licht des weißen Mondes spiegelt sich auf dem schwarzen Wasser des schwarzen Sees, der unberührt da liegt. Es wird kälter. Der Schnee, der jetzt aus unsichtbaren Wolken fällt, schimmert fast silbern. Ein Mädchen, jung und schlank, erscheint zwischen den Bäumen und läuft über den Schnee. Ihr Haar, schwarz wie der See und ihre Haut, weiß wie der Mond erscheinen fast so unwirklich und fremd wie das Mondlicht selbst. Trotz der eisigen Kälte scheint sie nicht zu frieren Ihr Atmen stößt keine Rauchwölkchen in die Luft und ihre nackten Füße hinterlassen keine Spuren im frisch gefallenen Schnee. Sie geht bis zum Rand des kleines Sees und kniet dort nieder. Dann hebt sie den Kopf und das Mondlicht fällt auf ihr Gesicht. Sie öffnet die vollen Lippen und ein Ton, der klingt wie die Kälte selbst, durchdringt den Wald. Der Schneefall wird stärker. Eis überzieht den See. Der Jäger, der nicht weit von ihr hinter einem Baum steht, beobachtet sie gebannt. Ihr Schönheit blendet ihn, doch er kennt seine Aufgabe. Ein Schuss peitscht. Der Schnee färbt sich rot.

Die Sonne geht langsam über dem Hügel auf. Ihre Sonnenstrahlen tasten vorsichtig über das große Feld und erreichen schließlich den Jungen, der reglos am Waldrand steht. Er scheint ein Stück zu wachsen, als das Licht ihn berührt. Sah er davor noch schwach, krank und gebeugt aus, so zeichnet sich jetzt ein überirdisch glückliches Lächeln auf seinem engelsgleichem Gesicht ab. Er hebt die Hände an den Mund und stößt einen Ruf aus, der nach allem zugleich klingt. Nach dem Plätschern der kleinen Bäche, nach süßen Vogelstimmen, nach der Wärme, die die Sonne bringt, Zukunft und Erwachen nach einem langen Schlaf. Das Feld überzieht sich mit hellem Grün. Irgendwo ruft ein Vogel und die Sonne wird wärmer. Doch bevor der Ruf zu Ende geht, legt sich von oben eine Schlinge um den schmalen Hals des Jungen. Der Jäger, der auf dem Ast über ihm sitzt, zieht die Schlinge fest und der Laut erstirbt mit einem röchelnden Geräusch.

Das Meer umspielt sanft die Füße des Mädchens. Ihre dunkle Haut steht im krassen Gegensatz zu ihrem hellen Haar, das ihr in langen Locken über den Rücken fällt. Sie beobachtet die Sonne. Als diese ihren höchsten Stand erreicht, beginnt das Mädchen zu lachen. Ihr Lachen ist glockenhell und die Freude, die sie verströmt, ist fast mit Händen greifbar. Die Sonne wird noch ein Stückchen wärmer. Der Jäger geht langsam über den Strand auf sie zu. Das Lachen erstirbt und sie blickt ihn an mit Augen, in denen sich tausende Jahre widerspiegeln. Diese Augen sind zu alt für ihr jugendliches Gesicht. Ein Messer blitzt, doch das Meer spült das Blut fort, sobald es den Sand berührt.

Das Licht schwindet sobald die Sonne hinter den Bergen versinkt. Noch ist der Wind, der weht, schwach und warm. Das Gesicht des Jungens, der darauf wartet dass der Schatten ihn berührt, ist ausdruckslos. Er kennt sein Schicksal. Der Junge atmet tief ein. Mit dem Einatmen scheinen die Gräser der Wiese an Farbe zu verlieren, wohingegen die Blätter der Bäume ihr Grün gegen freundliche Rot, Gelb und Brauntöne eintauschen. Dann seufzt er. Der Laut wird von den Bergen tausendfach verstärkt zurück gegeben. Wind kommt auf und zerrt an den dunklen Haaren des Jungen. Regen liegt in der Luft und dunkle Wolken ballen sich am Horizont zusammen. Als er den Jäger erblickt, lächelt er.

So starb der Herbst und der Mensch feierte seinen endgültigen Sieg über die Natur. Und als der Mensch des Feierns müde war, wurde es still.

Still, weil nichts mehr lebte.

Erst da wurde dem Menschen klar, dass sein Sieg kein Sieg war.

Sondern sein Tod.

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