Literatur, Politisches

Ein Briefwechsel

Dieser fiktive Briefwechsel zweier Star Architekten entstand letzen Winter im Rahmen eines Projektes an der Uni. Es stehen sich zwei Menschen gegenüber, deren Bauaufgaben sich sowohl in ökologischer als auch in sozialer Hinsicht komplett unterscheiden. Anlässlich des Projektes „Tower“ in Dubai, der das neue höchste Gebäude der Welt werden soll, entsteht eine Diskussion. Wer Santiago Calatrava und Muck Petztet nicht kennt, kann hier und hier nachlesen, wer die beiden sind und wofür sie stehen.

 

Sehr geehrter Santiago,

ich hoffe, du erfreust dich bester Gesundheit. Wie sollte es auch anders sein, stehst du doch mit einem großem neuen Projekt in den Startlöchern. Herzlichen Glückwunsch zu deinem Entwurf für den „Tower“ in Dubai, ein Projekt, welches die Liste deiner bedeutenden Projekte definitiv anführen wird. Genau wie die Liste der Gebäude, die am unökonomischsten erbaut worden sind. Nichts, aber auch absolut nichts an diesem Projekt deckt sich mit der Nachhaltigkeit, die einzuhalten wir besonders in unserer Rolle als Architekten verpflichtet sind. Die Verantwortung für unsere Natur und unsere Zukunft müssen wir übernehmen, musst du übernehmen, da solch große Projekte schließlich besonders ins Gewicht fallen. Doch bevor du deine Gedanken weiter diesem wahnwitzigen Vorhaben widmest, halte einen kurzen Moment inne und lies diesen Brief. Ich lese viel von dir und über dich in allen möglichen Zeitungen und habe nun angesichts der Umstände den Zeitpunkt für günstig befunden, dir einmal meine Meinung kund zu tun. Ich mag dir vielleicht kleinlich, kritisch und eventuell auch eifersüchtig erscheinen, wirst du meinen Standpunkt aus deiner Position wohl nicht nachvollziehen können, sei dir aber dennoch versichert dass ich nicht nur für mich selbst spreche, sondern nur versuche das Sprachrohr für unsere Umwelt zu sein.

Deine Auffassung der Natur in der Architektur unterscheidet sich grundlegend von meiner. Sicherlich hast du voller Aufmerksamkeit die Biennale 2012 in Venedig verfolgt und besitzt Kenntnis über mein Projekt „Reuse, reduce, recycle“. Ich sehe die Natur als Ressource und werte vorhandene Bausubstanzen mit recycleltem Material auf, um die graue Energie zu schonen, etwas, das ich in deiner Architektur nirgends sehe. Imitierst du Gerippe, Vogelschwingen und Augen in deinen Werken auch mit Perfektion, darfst du dein Vorbild aber nicht durch rücksichtslose Bauweisen und verschwenderische Materialien gefährden.

Mein Credo lautet hier: Es gibt genug heruntergekommene Bausubstanz, die es aufzuwerten gilt. Neubau ist energetisch gesehen keine Lösung. Wenn du also unbedingt das höchste Gebäude der Welt bauen willst, spricht doch eigentlich nichts dagegen ein vorhandenes aufzustocken, oder? Des Weitern möchte ich dir gerne den Aufsatz „Annäherungen an die Nachhaltigkeit“ von Dieter. M. Imboden empfehlen, der herausragend ergänzt was ich in diesem Brief nicht ausformuliert habe.

In Hoffnung auf eine anregende Diskussion,

Muck Petzet

 

 

Sehr geehrter Herr Petzet,

ich danke Ihnen für die Glückwünsche und Ihre Anregenden Worte. Dieser Brief ist eine gute Gelegenheit Ihnen zu Ihrer gelungenen Ausstellung auf der Biennale 2012 zu beglückwünschen. Mit vollstem Interesse habe ich die Entstehung und die Ausarbeitung dieses Projektes beobachtet, da viele der von Ihnen ausgewählten fotografierten Bauwerke besonders bezüglich der Baustoffwahl höchst interessant sind. Wie man hier schon merkt, ist meine Interesse an ökologischen Baustoffen wohl doch nicht so beschränkt, wie von Ihnen eingangs behauptet. So geht wohl auch jeder anders mit dem Thema Natur um, wie Sie schon richtig erkannt haben. Meine Architektur hat andere Ansätze gegenüber der Natur. Ich möchte die Natur ehren indem ich Sie als Vorbild für meine Bauten benutze. Ihr Ansatz gibt mir das Gefühl ich müsse die Architektur in die Natur integrieren aber damit fehlt die Ehrung ihrer großen Schaffungskraft. Es gibt keine perfekteren Formen oder Strukturen als die aus der Natur. Ein Vogel welcher sich im Sturzflug befindet, weist eine hoch komplexe Statische Struktur auf welche kein Mensch sich je ersinnen könnte. Auch werde ich den Vorschlag, einen bestehenden Wolkenkratzer aufzustocken, nicht als Beleidigung zu nehmen und nicht weiter darüber sprechen. Ich habe mich über Ihre anregenden Worte gefreut und bin gespannt auf den weiteren Verlauf unseres Briefwechsels.

Hochachtungsvoll,

Santiago Calatrava

 

 

Lieber Santiago,

Ich danke für deine schnelle Antwort und für deine Gratulation, habe ich mich doch sehr über deine Wertschätzung gefreut. Aber nun zurück zu unserer Diskussion, die sich doch so gut entwickelt hat, der ich aber dennoch einen kurzen Satz vorschieben muss. Die redest von den Perfekten Formen der Natur. Warum die Natur also imitieren, wenn man es nie zu ihrer Schönheit bringen kann? Mit all unserer Technik werden wir es nie schaffen, die Perfektion zu erreichen für die die Natur Jahrmillionen gebraucht hat. Deshalb integriere ich meine Projekte schonend, um ihre Schönheit zu unterstreichen und zu erhalten. Nun muss doch vor allem du musst sehen, dass dein Projekt eine ökologische Katastrophe ist. Abgesehen von Publicity und dem Guinness Buch der Rekorde fallen mir hier absolut keine positiven Aspekte ein. So zum Beispiel alleine der Bauplatz in Dubai. Da sicherlich im Umkreis der ökologisch energetisch erlaubten  20 Kilometern deine Baustoffe nicht zu Verfügung stehen, frage ich mich ernsthaft woher du deinen Stahl, deinen Beton und dein Glas zu nehmen gedenkst. Wohl von Plätzen, die für ökonomische Baustoffbeschaffung etwas zu weit entfernt sind. Woher kommt dein Material? Des Weiteren sind auch die oben genannten von dir erwünschten Baustoffe (wohl hauptsächlich Glas und Stahl) sowohl in punkto Herstellung als auch in puncto Wiederverwendung nicht sehr leistungsstark. Die Graue Energie, die am Ende in deinem Gebäude stecken wird, ist enorm. Trotz deiner weitläufigen umwelttechnischen Verfehlungen bei diesem Projekt muss ich dich doch zu deinem Wasseraufbereitungskonzept beglückwünschen. Etwas, womit du deinen ökologischen Fußabdruck auf diesem Planeten zwar nicht verkleinern kannst, aber zumindest mal ein Schritt in die richtige Richtung.  Da ich hier sehe, dass dein ökologisches Bewusstsein durchaus vorhanden ist, muss ich mich erneut fragen ob die Durchführung dieses Projekts nicht nur etwas mit Selbstverwirklichung zu tun hat.

Stellst du hier etwa deine eigene Person vor das Wohl der Allgemeinheit?

Da ein großer Architekt wie du seinen Blick wohl eher selten nach Deutschland richtet, will ich dich hiermit noch auf ein paar Projekte aufmerksam machen. Unter anderem möchte ich dir den „Umbau der Marsilliusstraße“ vorstellen, wo es uns unter Verwendung von vorhandener Bausubstanz und unter Berücksichtigung von ökologischen und ökonomischen Effektivität gelungen ist, einen Wohnkomplex aufzuwerten und erneut zu einem lohnenswerten Zuhause zu machen. Es konnte mit relativ geringem Aufwand ein Maximum an Nutzen und Qualität erzeugt werden. Auch ist die Energie, die bereits in die Baustoffe gesteckt worden ist, nicht verloren gegangen.

Deine Antwort hat mich zum Nachdenken angeregt und ich hoffe, dass meine Worte bei dir das gleiche bewirken.

Muck Petzet

PS: E-mails wandern nicht ins Altpapier, Briefe schon

 

 

Sehr geehrter Muck,

Schön, das auch Sie Gefallen an unserem Austausch finden, bringt er doch auch mich auf interessante Gedanken wie man wohl an dem Wege meiner Antwort sieht. Nun um Ihre erste Frage zu beantworten, meine Materialien werden mit Bedacht passend zu der Architektur ausgewählt. Mir liegt es fern mich dazu zu erdreisten und mich vor Ihren Fragen zu verschließen dennoch habe ich keine direkte Antwort auf die Frage woher meine Materialien kommen. Auch was den Bauplatz angeht, muss ich Ihre Anschuldigungen schärfsten zurück weise – Also Architekt baut man dort, wo der Bauherr es verlangt.  Zusätzlich sind die Projekte zu denen ich berufen werde meist Aushängeschilder für Städte oder gar Länder welche einen gewissen Anspruch an mich haben und ich gedenke diesem Anspruch gerecht zu werden. Des Weiteren steht die Ästhetik bei solch großen repräsentativen Bauaufgaben  immer im Vordergund, was sich mit der Nachhaltigkeit nicht immer vereinbaren lässt.

Also darum frage ich Sie ob es nicht meine Aufgabe ist den Menschen der Städte etwas zu Bauen was die Vielfalt und Schönheit der Natur imitiert, sie zu Ehren? Meine Bauten sind für alle, da ich für die Öffentlichkeit baue bitte bedenken Sie das. Ich möchte Ihnen in keinsterweise zu nahe treten, aber haben Sie Erfahrungen in solch großen öffentlichen Bauten? Ihr Ansatz ist sicherlich wichtig für unsere Zukunft dennoch begrenzen Ihre Vorschläge meine Kreativität in einem sehr großen Maße. Zuzüglich ist es nur in einem kleinem Rahmen, wie eben bei deinen Projekten,  möglich vorhandene Bausubstanz wieder zu verwerten, ohne die Stabilität derart großer Bauten zu gefährden. Wolkenkratzer werden nun mal nicht aus recyceltem Porenbeton oder Holz gebaut.

Durchaus sehe ich die ökologische Problematik in dem Projekt in Dubai. Nichts desto trotz sind solch große Bauaufgaben dem Fortschritt nur nützlich. Würde man sich nur mit der vorhandenen Bausubstanz beschäftigen und nicht mehr neu und experimentelle Bauen, verlangsamt sich ohne neues Ausprobieren wohl automatisch der Fortschritt, der in Zukunft zu den technischen Möglichkeiten führen wird, auch große Projekte ökologisch umzusetzen. Die Maßstäbe in welchem sich öffentliche Bauten befinden sind Repräsentativ und haben wie bereits erwähnt einen Ästhetischen Auftrag für Städte oder Länder und um dies zu gewährleisten lässt sich das nur spärlich mit Nachhaltigkeit vereinen. Trotz allem lege ich besonders bei dem Projekt in Dubai den Schwerpunkt auf Wasseraufbereitung und das ökologische CO2 neutrale Kühlungssystem.

Ich habe mich dennoch über Ihre anregenden Worte gefreut, besonders über die Beschreibung Ihrer Projektes, und bin gespannt auf Ihre folgende Antwort.

Hochachtungsvoll,

Santiago Calatrava

 

 

Lieber Santiago,

Wieder habe ich mich sehr über Deine Antwort gefreut und bin durchaus überrascht, von deiner Seite zu viel Verständnis entgegen gebracht zu bekommen.  Ich versteh im Gegenzug, dass dein Umgang mit der Natur wohl auf einen anderer Art genauso respektvoll ist wie meiner. Du siehst das Aufnehmen der natürlichen Strukturen ein Zeichen des Respekts und hebst ihrer Genialität heraus. Meine Integration der Bauwerke ist im Endeffekt auch nicht weniger als ein Nachahmen, nur in kleinerem Maßstab. So sind als Nachahmen und Integration beides Wege, respektvoll mit unsere Umwelt umzugehen, auch wenn meiner wohl der schwierigerer und nachhaltigere ist.  Ich möchte dich bezüglich meiner Frage zum Herkunftsort der Materialien noch einmal ausdrücklich darauf hinweisen, dass nichts, aber auch gar nichts deine Unwissenheit in diesem Punkt rechtfertigen kann und möchte dich bitte, noch einmal in dich zu gehen und darüber nachzudenken.  Und hier hast du mich wohl kalt erwischt – tatsächlich hatte ich noch mit keinem Projekt von solcher Größe zu tun und kann mich wahrlich kaum in den Organisations – und Entwurfsaufwand einzudenken. So ist aber die Arbeit mit vorhandener Bausubstanz, die nur bis zu einem gewissen Grad veränderbar ist, meiner Meinung nach die viel schwierigere Aufgabe. Du hast Recht in den Punkt, dass Wolkenkratzer nicht aus recyceltem Porenbeton gebaut werden – was aber ist mit recyceltem Stahl und Glas? Wenn ein Material nicht problemlos aufwertbar ist, fängt eben hier die Verantwortung des Architekten an, nur problemlose Materialien zu verwenden. Hier liegt die Grenze nicht im Rahmen des Möglichen, sondern ausschließlich in der Bereitschaft des Architekten.

Ich wünsche Dir weiterhin alles Gute und warte auf deine Antwort,

Dein Muck

 

 

Sehr geehrter Muck,

Und wieder bringst Du mich mit deiner Antwort zum Nachdenken.

Es freut mich allerdings, dass Du nun auch meine Herangehensweise als angebracht empfindest und wir uns wenigstens in diesem kleinen Punkt einigen konnten. Aber auch Du solltest dir überlegen, nicht nur zu integrieren sondern vielleicht auch die wunderbaren natürlichen Formen als Vorbild nehmen. Die Diskussion über die Materialien würde diesen Briefwechsel sprengen. Außerdem habe ich Erkundigungen eingezogen und kann dir nun deine Fragen beantworten. Am liebsten würde ich dies aber persönlich tun. Ich hoffe auf eine schnelle Antwort mit einem Termin für ein baldiges Treffen. Vielleicht hast du ja Lust, mich in Dubai zu besuchen und mit mir die Baustelle zu begehen. Vielleicht findest du ja vor Ort Wege, deine Bauweise auf angebrachte Art und Weise einzubringen.

Bis bald,

Santiago Calatrava

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